Musik / CD

Haiyti: Montenegro ZeroDreck und Glamour

Das Berghain ist ein Technoclub in Berlin und bekannt dafür, dass dort viele Menschen sehr wenig Kleidung tragen und gerne Chemisches durch die Nase ziehen. Ihre wenige Kleidung ist schwarz und transparent. Sie tanzen lange und schwitzen und fühlen sich in ihrer Uniform besonders. Haiyti war noch nie im Berghain. Sie will da auch gar nicht rein, sondern macht sich lieber über die Jünger des Clubs und deren Tempel lustig. Am liebsten tanzt Haiyti, wenn sie sich nicht gerade nach Monaco träumt, aber sowieso durch die Hamburger Straßen. Die Rapperin mag keine Serienmodelle. Denn Haiyti ist besonders. Sie machte früher Musik über Blut und Horror. Dann begann sie Dealer- und Glamour-Geschichten zu erzählen und Millieustudien zu formulieren. Jetzt hat sie nach vielen Gratis-Veröffentlichungen ihr erstes großes Album "Montenegro Zero" aufgenommen. Ihre Musik beschreibt sie selbst als Gangsterpop. Doch was bitte ist das?

Es folgt in alphabetischer Reihenfolge eine Aufzählung von Genres und Stilrichtungen, die Haiyti und ihr Produzenten-Team KitschKrieg auf "Montenegro Zero" zum Gangsterpop-Amalgam vermengt haben: Country, Dancehall, HipHop, Footwork, NDW, Techno, Trap.

Viele dieser Stile passen natürlich überhaupt nicht zusammen. Oder? Eine Stärke von Haiyti ist, dass sie Unpassendes passend machen kann. Sie verbindet die einzelnen Genres durch die Arbeit mit ihrer Stimme, mit der sie rackert, trällert, schreit oder krächzt - "Rarararaaaah". Ihre Stimme ist das Lead-Instrument des Albums, ihr Einsatz so variantenreich wie bei keinem vergleichbaren Act. Dadurch entsteht ein Soundteppich aus Melodien, die eine klebrige Spur hinter sich lassen, aus hart peitschenden Drums und läppischen Gitarren, zusammengehalten nur von der Künstlerin selbst. Und das Beste ist: Ihr fällt das offenbar ziemlich leicht.

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"Montenegro Zero" wäre schon ein gutes Album, wenn Haiyti ausschließlich in einer Fantasiesprache singen würde. Viel schöner ist es aber, dass sie singend fantasiert und beobachtet. Das ist die zweite Ebene: die (Gossen)-poetische. In dem Song "Gold" wird mit der Zeile "Was soll ich mit allem Gold der Welt / Ich will nur ein bisschen Zeit mit dir" mit so wenigen Mitteln eine unendliche Sehnsucht so gut auf den Punkt gebracht, dass jeder andere Rapper neidisch werden muss. Das wiederum ist eine weitere große Stärke von Haiyti: Sie besitzt die Fähigkeit, ihre Texte auf das Wesentliche zu reduzieren, auf eine Reihe starker Stichworte.

Wenn man Haiytis Musik hört, kann man sich ihre Innenwelt und ihre Umwelt bestens vorstellen. Man versteht ihre Abneigung gegen das Normale und will dann auch selbst nie wieder als Langweiler gelten. Man versteht das Leben auf dem Kiez und will in ihm versacken. Man versteht den seelischen Schmerz, den das Alleinsein verursacht und will trösten. Und man versteht die Sehnsucht nach dem Haus in Monaco und will sich daneben ein eigenes bauen.

"Montenegro Zero" ist Haiyti, und Haiyti ist "Montenegro Zero". Der Hörer nimmt letztlich den Raum zwischen diesen beiden Fixpunkten ein. Es ist ein Zwischenraum voller popmusikalischer Erlebnisse und Grenzerfahrungen. Was Gangsterpop also ist? Gangsterpop ist großartig!

Johann Voigt

Audio CD
BewertungMeisterwerk
CD-TitelMontenegro Zero
Bandname/InterpretHaiyti
GenreCloud-Rap
Erhältlich ab12.01.2018
LabelVertigo Berlin
VertriebUniversal
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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