Musik / Backstage

"Schlagzeugspielen hat mir den Arsch gerettet"

feiern mit "We Got Love" (ab 24. März) ein Album- und Live-Comeback

Sie spielten als Straßenmusiker auf der ganzen Welt, lebten in alten Bussen und während des plötzlichen Durchbruchs 1994 auf einem Hausboot. 20 Millionen Tonträger hat die Kelly Family anschließend verkauft - doch Anfang der Nullerjahre begannen die Geschwister getrennte Wege zu gehen. Paddy Kelly hatte die Nase vom Showbiz gar so voll, dass er sich für sechs Jahre in ein Kloster zurückzog. Als die Kelly Family für diesen Mai schließlich ein Konzert in der Dortmunder Westfalenhalle ankündigte, war die Begeisterung groß: Innerhalb von nur 18 Minuten waren die Tickets vergriffen. Mit "We Got Love" erscheint am 24. März ein neues Album der Band: Ihre größten Hits hat die Band dafür neu aufgenommen. Angelo Kelly (35) spricht im Interview über sein verrücktes Leben in den 90-ern, die Bedeutung von Familie und den Grund für das Comeback.

teleschau: Angelo, was hat Sie dazu bewegt, zwölf Jahre nach dem letzten Kelly-Family-Album wieder gemeinsam auf die Bühne zu gehen?

Angelo Kelly: Der Gedanke kam ins Rollen, als wir 2014 bemerkten, dass unser erstes Konzert in der Westfalenhalle 20 Jahre her ist. Diese war mit 17.000 Plätzen damals die größte Halle Europas, und wir buchten sie einfach selbst - ohne Veranstalter und ohne mit unseren CDs in den Charts zu sein. Das war ein sehr emotionaler Abend für uns. Auch, weil zum ersten Mal seit seinem Schlaganfall unser Vater kurz auf die Bühne kam.

teleschau: Die Show war am Ende ausverkauft.

Kelly: Stimmt. Dadurch erkannten wir, dass die vielen Jahre harte Arbeit und Straßenmusik sich gelohnt haben und in Zukunft wohl nichts mehr so sein würde, wie es war. Dass wir dieses Jubiläum gar nicht zusammen feierten, machte uns traurig. Also beschlossen wir letztes Jahr, einfach ein Konzert in der Westfalenhalle zu planen. Keiner von uns hätte erwartet, dass die Tickets so schnell vergriffen sein würden.

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teleschau: Was vermissten Sie in den Jahren, in denen Sie nicht zusammen spielten, am meisten?

Kelly: Da hat wahrscheinlich jeder von uns andere Dinge im Kopf. Eine Sache ist, gemeinsam mit der Familie auf der Bühne zu stehen. Das kann eine andere Band einfach nicht ersetzen. Dazu kommt die Verbindung mit dem Publikum. Wir haben diese Menschen zum Teil jahrelang begleitet, waren der Soundtrack für ihre Jugend - und umgekehrt waren sie auch Wegbegleiter für uns. Das jetzt noch mal aufleben lassen zu können, ist etwas Besonderes.

teleschau: Für Ihr neues Album "We Got Love" nahmen Sie Ihre wichtigsten Songs neu auf. Für Sie eine Möglichkeit, die 90-er noch mal Revue passieren zu lassen?

Kelly: Absolut. Es ging uns auch darum, dieser Zeit Respekt zu zollen. Als Künstler versucht man ja ständig, sich davon loszulösen, was einen groß machte. Erst mit viel Abstand, Misserfolg, Schicksal oder durchs Erwachsenwerden kann man das Erreichte später wertschätzen und verstehen, was für ein Glück man eigentlich hatte. Das geht fast jedem Künstler so.

teleschau: Warum ist das so?

Kelly: Man ist ja Künstler, um kreativ zu sein. Wenn man das Gefühl hat, dass die Leute erwarten, dass man sich immerzu wiederholt, bekommt man Angst, dass die Kreativität aufhört. Meine Geschwister und ich sind in den letzten Jahren deshalb alle unsere eigenen Wege gegangen. Ich habe viele unterschiedliche Projekte gemacht, eigene Platten aufgenommen - und bei meinen Shows eben nicht "An Angel" gespielt. Ich nahm dafür viel in Kauf, verlor viel Publikum. Das war ein steiniger Weg, bis ich wieder an den Punkt kam, an dem zwischen 1.000 und 3.000 Leuten zu meinen Shows kamen. Aber ich wollte gucken: Wo will und kann ich hin? Und jetzt, mit all dem Abstand, gehe ich mit Frische an unser Comeback.

teleschau: Mark Owen von Take That sagte mal, dass die 90-er in seiner Erinnerung total verschwommen sind. Wie geht es Ihnen?

Kelly: Eine Zeitlang war das für mich auch so. Vor allem Mitte/Ende der 90-er, nach diesem riesigen Erfolgs-Tornado, fühlte sich alles an wie ein Traum. Ich konnte das nicht mehr richtig zuordnen. Das liegt an der Intensität des Ganzen: Man ist jeden Tag woanders und erlebt in 24 Stunden, was andere in einem Jahr nicht erleben.

teleschau: Am Ende konnten Sie ohne Bodyguard nicht mehr auf die Straße gehen und mussten eine Mauer um Ihr Hausboot bauen.

Kelly: Ich hatte acht Jahre lang einen Security-Mann bei mir, egal wo. An einem Tag bist du bei der Bambi-Verleihung, am nächsten spielst du vor 250.000 Menschen. Jeder Tag ist so vollgepackt mit Erlebnissen, dass das in deinen Kopf irgendwann nicht mehr reingeht. Erst als ich anfing, mich um mein eigenes Leben zu kümmern, konnte ich in Ruhe zurückblicken.

teleschau: Jimmy kämpfte mit Depressionen und Alkohol, gestand sogar Selbstmordgedanken. Paddy ging sechs Jahre ins Kloster. Wie erging es Ihnen nach der Kellys-Blütezeit?

Kelly: Noch während des ganzen Erfolgs konzentrierte ich mich total auf das Schlagzeugspielen. Das war mein Anker, das gab mir viel Struktur und Halt. Ich hatte ein Ziel vor Augen: Ich wollte der beste Schlagzeuger der Welt werden und übte drei bis fünf Stunden pro Tag. Das rettete mir damals ziemlich den Arsch. Danach, als der Erfolg nachließ - das ist ja wie eine Droge, die plötzlich wegfällt und man kann nichts tun -, half mir meine Familie sehr. Ich war gerade frisch mit meiner Frau zusammen und wurde mit 19 dann auch das erste Mal Vater. Damit hatte ich eine ganz neue Aufgabe.

teleschau: Was bedeutet Ihnen Familie heute?

Kelly: Meine Familie ist der Mittelpunkt meines Lebens. Ich wuchs in einer Großfamilie auf, als jüngstes von zwölf Kindern - für mich war immer klar, dass ich eine Familie haben will. Meine Frau und ich kennen uns, seit ich neun bin, und haben jetzt fünf Kinder. Natürlich bedeutet das auch viel Aufopferung - es kostet Arbeit, Zeit und Energie. Man muss als Paar zurückstecken und hat nicht mehr so viel Zeit füreinander. Trotzdem ist das Glück in meinen Augen größer, als wenn man keine Familie gründet.

teleschau: Inzwischen stehen Ihre Kinder mit Ihnen auf der Bühne. Ihre Tochter Emma hat sogar einen Gastauftritt auf dem neuen Kelly-Family-Album.

Kelly: Das hat schon einen gewissen Déjà-vu-Faktor! Es ergab sich aber auch einfach. 2009 war ich viel auf Tour. Wir wohnten damals in einer Mietwohnung in Bonn, als wir zwei Schicksalsschläge verkraften mussten: Meine Frau hatte einen epileptischen Anfall, und meine Tochter wäre bei einem Unfall beinahe gestorben. Das rüttelte uns wach, und ich schlug vor, dass wir unsere Sachen packen und losfahren. Wir haben das dann drei Jahre gemacht. Ich spielte auf der Straße, und wir lebten von sehr wenig Geld - vielleicht von 1.000 Euro im Monat. Aber wir hatten extrem viel Zeit zusammen und erlebten viel als Familie. In der Zeit fing es dann auch an, dass wir auch gemeinsam mehr und mehr Musik machten.

teleschau: Stimmt es, dass Ihre Mutter 1982 auf dem Sterbebett darum bat, dass Sie und Ihre Geschwister weiter gemeinsam singen?

Kelly: Das stimmt. Als meine Mutter starb, war dies ein Tiefpunkt für die Familie. Sie wusste, sie hinterlässt ihren Mann mit zwölf Kindern. Wir waren damals komplett pleite, weil alles Geld in ihre Krebs-Behandlung geflossen war. Zudem hatte mein Vater in den Jahren davor ein Alkoholproblem entwickelt. Ich glaube, ihr Gedanke war: Wenn eine Familie zusammen singt, bleibt sie zusammen. Das ist wie eine Form von Gebet. Es ging ihr darum, dass wir den Spirit aufrechterhalten. Die Botschaft, die ich daraus für mich mitgenommen habe, ist: Gebt nicht auf!

teleschau: Nun sind Paddy und Maite bei dem anstehenden Comeback nicht dabei. Macht Sie das traurig?

Kelly: Natürlich, ich habe oft mit ihnen drüber gesprochen und versucht Wege und Kompromisse zu finden - zeitlich, musikalisch, finanziell. Aber am Ende sind die sechs, die jetzt dabei sind, dort, weil sie wirklich wollen. Wenn Paddy oder Maite das momentan nicht mitempfinden, dann ist das so, das muss man respektieren. Die Tür bleibt ihnen aber immer offen.

Nadine Wenzlick

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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