Musik / Backstage

"Comebacks sind stillos"

feiern mit "30 - The Ultimate Best Of Collection" ihr 30-jähriges Bestehen

Eine Trennung kann wunderbar sein. Das sieht man am Beispiel der Hannoveraner Band Fury In The Slaughterhouse. Kai Wingenfelder, Frontmann und Sänger der Band, bestätigt diese These kurz vor Tourstart. Trotzdem ist seine Freude auf die anstehenden Konzerte mit seiner alten, 2008 aufgelösten Gruppe spürbar. Die Gigs dienen als Erinnerung an sechs Freunde, die vor 30 Jahren zusammenfanden und mit etlichen Ohrwürmern Tausende Fans glücklich machten. 2017 kommt es also zu einem Mini-Comeback von Fury In The Slaughterhouse - mit Tour und Best-of-Album inklusive sechs neuer Lieder. Eine Art "Klassentreffen" sollen die Jubiläumsfeierichkeiten sein, erklärt Wingenfelder. Im Interview erinnert sich der 57-Jährige, warum seine Band einst auseinanderging, warum man trotz Erfolgs das US-Abenteuer nicht verlängerte und inwieweit er früher ein "Idiot" war.

teleschau: 30 Jahre ... Wie sehr erschreckt Sie diese Zahl?

Kai Wingenfelder: Ach, sie erschreckt mich überhaupt nicht, ich bin eher stolz darauf. Die Tour und alles, was gerade rund um Fury passiert, hätte es nicht gegeben, wenn wir nach der 20 nicht beschlossen hätten, dass wir kein neues Album mehr machen. Das war genau richtig, denn wir sind musikalisch auseinandergedriftet. Dann kann man sich darauf einigen, live weiter zu spielen. Und irgendwann landet man auf dem Schützenfest. Das wollten wir nicht.

teleschau: Drifteten Sie auch menschlich auseinander?

Wingenfelder: Wir sind Musiker, also streiten wir über Musik. Und wenn man sich da nicht mehr einig ist, findet man den anderen doof und dich nerven Kleinigkeiten, wie die immer gleichen Sprüche, die einer sagt. Wir haben jahrzehntelang zusammen abgehangen, sogar zusammengewohnt. Da kann man Beruf und Freundschaft nicht trennen. Es war halt vorbei, und jeder hatte Zeit, nachzudenken. Was genau richtig war. Die Dinge haben sich in der Zwischenzeit gereinigt, und als wir uns wieder trafen, war alles gut. Mir hat neulich jemand gesagt, dass man sieht, dass wir Spaß haben und Freunde sind. Genau so fühlt es sich an, und das ist super.

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teleschau: Definieren Sie mal Ihr Comeback!

Wingenfelder: Es ist keines. Wir wollen das Risiko gar nicht eingehen und machen das eher wie ein Klassentreffen. Als wir 2013 bei der Expo ein Konzert gaben, lief es gut. Jetzt wollten wir gerne zwei geben. Dass das so rummst und wir im März dreimal die Arena in Hannover ausverkaufen, haben wir nicht verstehen können. Wir wollten ja auch gar keine neuen Songs aufnehmen, aber wenn man sich versteht, wieder zusammensitzt und es passt ...

teleschau: Dabei scheinen Band-Wiedervereinigungen in den letzten Jahren im Trend zu liegen ...

Wingenfelder: Das finden wir stillos. Wir machen auch bewusst keine neue Platte, obwohl das locker ginge. Doch wir sind so froh über das, was wir uns erhalten haben. Ich weiß sicher: Das sind meine besten Freunde, mit denen bin ich um die Welt gereist, hab gelacht und geweint. Und Mann ... haben wir Spaß gehabt! Die will ich halten. Allerdings merkte ich bei den Warm-up-Shows, dass ich vielleicht nicht mehr so viel rennen und den Berufsjugendlichen raushängen lassen sollte.

teleschau: Die Zeit heilt also auf jeden Fall kleine Wunden.

Wingenfelder: Ja, ich stand gerade mit meinem Freund und Gitarristen Christof Stein bei einer Warm-up-Show auf der Bühne. Da gab es so einen Moment, in dem wir uns anschauten und ich dachte: "Mensch, eigentlich lieb ich diesen Typen total. Der muss hier rechts neben mir stehen. So ist das genau richtig." Ich weiß, er hat was Ähnliches gedacht. Dann spielst du deinen Song, und es ist total geil.

teleschau: Mussten Sie die Texte neu lernen?

Wingenfelder: (lacht) Ja, musste ich. Als ich mit meinem Bruder und Peter Maffay auf der Tabaluga-Tour unterwegs war, merkte ich, dass ich nicht alleine bin mit meiner Angst, den Text zu vergessen. Ich quälte mich mein Leben lang mit dieser Angst, überlegte sozusagen bei "Radio Orchid", wie "Every Generation" anfängt. Da kannst du nicht gut sein. Ich wollte schon zu Fury-Zeiten einen Teleprompter, von dem ich notfalls den Text ablesen kann.

teleschau: Aber?

Wingenfelder: Die Band fand das doof. Seit ich mit meinem Bruder als Wingenfelder unterwegs bin, hab ich einen kleinen und bin im Kopf frei. Ich lerne meine Texte und vergesse sie komischerweise gar nicht. Seitdem habe ich viel mehr Spaß, kann auf der Bühne Geschichten erzählen. Wohingegen früher die Leute dachten, ich wäre tödlich arrogant. Es ist eine große Erleichterung, sich einzugestehen: "Ich habe Angst, die Texte zu vergessen, und deswegen stelle ich mir die Kiste da unten hin." Und wenn ich mich umgucke, merke ich: Jeder hat so eine. Hätte ich auch schon mal 20 Jahre früher machen können ...

teleschau: Wie war und ist die Rolle der Wingenfelder-Brüder bei Fury In The Slaughterhouse?

Wingenfelder: Wir sind die Umtriebigsten, die, die schnell mal was organisieren und auf die Beine stellen. Seit 2010 ist unsere gemeinsame Band Wingenfelder unser großes Baby, wofür wir nach der unerwarteten Fury-Party ein neues Album schreiben. Musikalisch sind wir nicht ganz unwichtig, aber da gehören bei Fury Christof und die anderen dazu. Nach der Trennung boten Plattenfirmen uns an, ohne die anderen weiterzumachen. Aber es geht um unsere Chemie und darum, dass Fury ein Stück Geschichte ist, die es nur so oder gar nicht gibt. Mein Bruder und ich sind auch nicht die Bandgründer, wie man oft liest. Ich hatte mit Rainer und Christof eine Kapelle und Thorsten dazugeholt, als in seiner Schülercombo der Trend Richtung Studium ging und er frustriert war.

teleschau: Das relativiert das Statement "Besser zu zweit", den Titel, der auf Ihrer ersten Wingenfelder-Veröffentlichung prangte.

Wingenfelder: In dem Song ging es darum, dass man manche Dinge besser zu zweit als alleine erträgt. Hinterher habe ich mir auch gedacht, dass dies Fury-Fans falsch verstehen könnten. Es hatte aber mit unserer Trennung nichts zu tun. Fury sind besser zu sechst.

teleschau: Warum?

Wingenfelder: Weil wir alle keine großartigen Instrumentalisten sind, außer Gero vielleicht. Wir waren gut durch die Energie, die wir zusammen erzeugten, und deshalb auch live immer besser als auf Platte.

teleschau: Können Sie sich musikalisch noch toppen?

Wingenfelder: Das weiß ich nicht, aber zumindest arbeite ich an mir. Früher hatte ich dazu keine Lust. Melancholisch und melodiös zu sein, was mir entspricht, ist im Englischen viel leichter. Das auf Deutsch zu erreichen, ist meine Herausforderung. Jetzt schreibe ich mit Leuten Songs, die mich weiterbringen.

teleschau: Waren Sie früher eher ein Eigenbrötler?

Wingenfelder: Nein, ich war nur blöder, habe bestimmte Sachen einfach nicht gesehen. Wäre ich ein Eigenbrötler gewesen, hätte ich das alles bewusst gemacht. Aber so war das nicht, in der Rückschau halte ich mich manchmal schon für einen Idioten.

teleschau: Haben Sie als Band falsche Entscheidungen getroffen?

Wingenfelder: Wir bauten sicher Mist, aber über manche unpopulären Entscheidungen bin ich froh. Es war gut, dass wir trotz des Erfolges dort die USA nicht weiter im Blick behielten. Wer weiß, wie es mir dort ergangen wäre, da ging es ganz schön ab, so dass wir es zwischenzeitlich bedauerten, zurück nach Deutschland gegangen zu sein. Wir hätten es schon cool gefunden, mal vier Wochen in Hawaii zu pausieren und dann die USA weiter zu rocken. Aber bei einigen war die Sehnsucht nach zu Hause da, auch wenn es manchmal nur um Leberwurst und Schwarzbrot ging.

teleschau: Das heißt, es ist manchmal ganz gut, dass man nicht allein, sondern zusammen entscheidet.

Wingenfelder: Naja, manchmal. Ich bin kein Freund von Demokratie in einer Band. Denn sie funktioniert nicht. Es gibt bei allen großen Gruppen zwei Masterminds, deren Stimme mehr Gewicht hat. Wenn jeder weiß, wo seine Stärke ist, läuft es perfekt. Will aber jeder nur Songs schreiben, dann ist die Band spätestens nach einem Jahr kaputt.

teleschau: Im Notfall gibt es dann ja auch noch mehr als Musik. Was mögen Sie abseits Ihres Steckenpferdes?

Wingenfelder: Bilder - bewegt und unbewegt. Als ich zur Bundeswehr musste, habe ich dort Fotograf gelernt. Das war das einzig Gute dabei. Für Wingenfelder drehe ich alle Videos. Das macht mir unglaublich Spaß, und man kann heute, zumindest für die sozialen Medien, so billig selbst was liefern, finde ich. Die Musik bleibt aber immer oben.

Fury In The Slaughterhouse auf Tournee:

10.03., Hannover, TUI Arena

11.03., Hannover, TUI Arena

12.03., Hannover, TUI Arena

12.05., Bad Segeberg, Kalkberg Arena

13.05., Aurich, Mehrzweckgelände Tannenhausen

14.06., Mannheim, Zeltfestival Rhein-Neckar

15.06., Trier, Porta Nigra OpenAir

16.06., Trier, Porta Nigra OpenAir

08.07., Erfurt, Festwiese

14.07., Hamburg, Stadtpark Hamburg

15.07., Hamburg, Stadtpark Hamburg

21.07., Halle / Westfalen, Gerry Weber Stadion

22.07., Mönchengladbach, SparkassenPark Mönchengladbach

20.08., Ulm, Kloster Wiblingen - Klosterhof

26.08., Osterholz-Scharmbeck, Freigelände an der Stadthalle

01.09., Dortmund, Westfalenpark Dortmund

16.09., Hameln, Weserberglandstation

Claudia Nitsche

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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