Musik / Backstage

"Integration heißt beidseitige Annäherung"

veröffentlicht am 3. März "Gleisdreieck"

Joy Denalane ließ sich Zeit. Ihr neues Album "Gleisdreieck" erscheint am 3. März - fast sechs Jahre nach dessen Vorgänger. Denn sich nicht zu wiederholen, das war der deutschen Soul-Sängerin wichtig, wie sie im Interview erklärt. "An diesem Punkt in meiner Laufbahn dachte ich: Wenn ich das jetzt noch mal so mache, könnte es mich selbst langweilen." Heraus kam eine Platte, die alles andere als langweilig ist: ein vielschichtiges Album, geprägt von Berlin, ihrer Kindheit am Gleisdreieck in Kreuzberg und der Frage, wer sie wirklich ist. Ein Gespräch mit der 43-Jährigen über Heimatverbundenheit, das Fremde und die Chance auf ein neues Zuhause.

teleschau: Auf Ihrem neuen Album geht es um Ihre Heimatstadt Berlin und die Suche nach der eigenen Identität. Hat Berlin Sie zu der Person gemacht, die Sie heute sind?

Joy Denalane: Zum Teil schon. Berlin prägt mich natürlich extrem. Und auch mein Umfeld, das Gleisdreieck, formte meinen Blick auf die Welt und mein Selbstverständnis. Ich möchte schon sagen, dass ich eine Berlinerin bin. Das fiel mir zum ersten Mal auf, als ich in die Fremde ging. In Stuttgart merkte ich: Ich bin ganz anders. Die Art, wie ich reagiere, wie ich spreche, dass ich eher offensiv bin - das sind sicher Dinge, die mich zu einer Berlinerin machen.

teleschau: Sie sagten einmal, dass es für Sie als junges Mädchen dort nicht immer einfach gewesen sei. Welche Erfahrungen meinten Sie damit speziell?

Denalane: Berlin gilt als Schmelztiegel. Es ist eine Stadt, in der man sehr viel Freiheit genießt, in der die Leute sein dürfen, wer sie sind, und in der Pioniere willkommen sind. Es herrscht große Offenheit und Toleranz - eine Grundhaltung, die hier vielleicht stärker als in anderen Städten ausgeprägt ist. Aber ich war natürlich trotzdem nicht Teil der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Ich war gefühlt allein auf weiter Flur. Es gab nicht viele, die aussahen wie ich. Das merkten auch die anderen. Es wurde thematisiert und verbalisiert.

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teleschau: Inwiefern?

Denalane: Haare und Hautfarbe waren ein Thema. Zudem wurde ich in Kreuzberg groß, Slogans wie "Ausländer raus" prangerten dort an nicht nur einer Hauswand. Es gab beide Extreme, auch damals schon. Fremdenfeindlichkeit kenne ich von klein auf.

teleschau: Was veränderte sich seitdem?

Denalane: Gerade erleben wir wieder eine sehr intensive Zeit. Es kommt stets in Wellen. Heute wird mit den Menschen, die flüchten und in Deutschland Schutz suchen, Angst geschürt. Damit scheint der Zeitpunkt für Leute gekommen zu sein, die populistisch Ängste schüren. Das spitzt sich zu. Vor drei Jahren noch war das ganz anders.

teleschau: Wann empfanden Sie dies das letzte Mal ähnlich?

Denalane: So um die Zeit des Mauerfalls herum. Gerade die Berliner waren extrem konfrontiert damit - dadurch, dass wir plötzlich zu einer Stadt zusammengeworfen wurden. Es gab viele Bezirke, die ein No-Go für mich waren. Auch in einer Stadt wie Berlin gibt es eben Rassismus und Menschen, die Angst vor dem Fremden haben.

teleschau: Sollte die Gesellschaft mit der Situation heute nicht besser klarkommen?

Denalane: Man muss bei Einwanderung genau hingucken, ich sehe das alles ein. Aber bereits Friedrich II. nahm die Hugenotten, die aus Frankreich vertrieben wurden, hier auf. Das war sozusagen der Kick-off für Berlin. Da kamen Ausländer mit ihrem Können, ihren Ausbildungen, teilweise auch mit ihrem Geld hierher und bereicherten die Stadt - kulturell, aber auch wirtschaftlich. Ich denke, das ist eine Chance.

teleschau: Allerdings auch eine Herausforderung ...

Denalane: Aber nicht nur für uns Einheimische. Menschen, die fliehen, nehmen so vieles auf sich. Es ist ja nicht so, dass sie sich ins Flugzeug setzen und denken, Deutschland sei einfach nur schöner als ihre Heimat. Sie riskieren ihr Leben, das Leben ihrer Kinder - das ist doch nicht irgendetwas.

teleschau: Wie könnte richtige Integration Ihrer Meinung nach aussehen?

Denalane: Das weiß ich nicht genau, ich bin kein Politiker. Erstmal müssen die Menschen an Arbeit kommen. Ich will das jetzt nicht zu sehr vergleichen, aber man lud nach dem Zweiten Weltkrieg Gastarbeiter ein, gab ihnen und ihren Kindern allerdings nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Dadurch kam's zur Ghettoisierung, die Leute blieben unter sich. Man nahm sie nie an die Hand, gab ihnen nie das Gefühl, dass sie hier zu Hause sind. Diese Gruppe von Leuten macht dann nur nachvollziehbar ihr eigenes Ding. Das ist ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte.

teleschau: Angela Merkel sagte vor einem Jahr: "Multikulti bleibt eine Lebenslüge". Damit meinte sie wohl genau diese angesprochenen Parallelgesellschaften.

Denalane: Oftmals werden die Worte Integration und Assimilation verwechselt. Ich glaube, was viele Leute hier wollen, ist: Assimiliert euch! Das finde ich falsch. Du kannst einem Menschen, der voller Geschichte und Erfahrung steckt, nicht auferlegen, dass er einfach alles vergisst, sich anpasst und nichts mehr von dem ist, was er mal war. Was bleibt dann noch übrig? Man muss fein unterscheiden und sich fragen, was Integration eigentlich bedeutet: Es ist die Annäherung von zwei Kräften. Die eine Kraft sollte die andere nicht ausschließlich fragen müssen, ob sie mitspielen darf.

teleschau: Stichwort "Zuhause" - so heißt auch ein Song Ihrer Platte. Was bedeutet das für Sie?

Denalane: Der Kern von Zuhause ist für mich Familie. Gemeinschaft, Geborgenheit, Sicherheit, Vertrautheit. Aber auch Deutschland ist für mich Zuhause. Europa ist für mich Zuhause.

teleschau: Ist Ihnen Ihr Zuhause auch mal fremd?

Denalane: Es gibt immer wieder Situationen, die befremdlich sind. Gerade in Berlin, wo sehr viele Menschen und Biografien aufeinandertreffen. Manchmal sieht man es nicht kommen, dann ist man im falschen Moment am falschen Ort: ein Typ, der Lust hat, irgendjemanden zu schubsen, der einen fies anguckt und anpöbelt.

teleschau: Das ist nicht nur in Berlin so.

Denalane: Natürlich. Überall dort, wo verschiedene Menschen zusammenkommen und miteinander auskommen müssen, gibt es Ausschläge nach oben und nach unten. Aber ich fühle mich sicher in Berlin. Das ist meine Stadt. Ich gehöre zu Berlin. Das heißt nicht, dass ich nicht noch einmal weggehen würde. Aber es bleibt mein Boden.

Antonia Hofmann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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