Kino / Portraits

"Der Papst hat keine Agenda"

Wim Wenders drehte "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" (Start: 14. Juni)

Wim Wenders' Dokumentarfilm über Papst Franziskus lässt niemanden kalt. Ein Teil der Zuschauer - und so mancher Kritiker - dürfte wegen seiner extrem unkritischen Haltung verärgert sein. Formal erfüllt der Film alle Kriterien eines Werbeclips. Andererseits ist "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" (Start: 14. Juni) auch für "Ungläubige" ein extrem bewegendes Kinoerlebnis. Im Gefühlszentrum des Betrachters legt der Film etwas frei, das man selbst dort nicht (mehr) vermutet hätte. Wim Wenders, 72-jährige Kinolegende und Macher herausragender Dokumentationen wie "Buena Vista Social Club" oder "Pina", im Gespräch über das Charisma des Guten, die cineastischen Kenntnisse des Papstes und seine Gedanken zum eigenen Vermächtnis ...

teleschau: Sie erzählen davon, dass Sie selten so viele hartgesottene Profis bei der Ansicht eines Films haben weinen sehen wie bei "Papst Franziskus". Warum tritt dieser Effekt ein?

Wim Wenders: In einer Zeit, in der unsere Politiker und "World Leader" von allen guten Geistern verlassen zu sein scheinen, trifft dieser Papst, glaube ich, einen Nerv, der noch nicht einmal unbedingt etwas mit Religiosität zu tun hat - sondern mit unserer Utopiefähigkeit, unserer Sehnsucht nach einem moralischen Kompass.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Wenders: Papst Franziskus vermittelt glaubhaft und mit großer positiver Kraft, dass es möglich ist, die Welt anders zu gestalten. Viele Menschen sind verzweifelt, dass sie so verkommen ist - sozial, moralisch und auch in dem Sinne, wie wir miteinander umgehen. Sie haben es eher zähneknirschend akzeptiert. Der Papst erinnert uns daran, dass auch ein anderer Weg möglich ist. Und das berührt zutiefst, das geht jedem Menschen guten Willens an die Nieren.

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teleschau: Viele Führer wollen Menschen von Utopien überzeugen. Warum gelingt es im Jahr 2018 ausgerechnet einem Papst?

Wenders: Das können Sie mir nicht erzählen, dass es heute viele Utopisten unter unseren "Anführern" gibt, in dem Sinne, dass ihnen ein Allgemeinwohl am Herzen liegt. Die meisten, ob Politiker oder Unternehmer, haben eine Agenda, die von Interessen bestimmter Gruppen bestimmt wird, von Parteien oder anderen Machtapparaten, von der Industrie oder vom Gewinnstreben allgemein. "America First!" Da können Sie ja jedes Land stattdessen einsetzen. Es gibt kaum noch Führer, die wirklich von einer positiven moralischen Utopie getrieben durch die Welt ziehen. Der Papst hat keine Agenda außer dem Gemeinwohl. Das ist heutzutage der Hammer.

teleschau: Wie wichtig ist der Umstand, dass der Papst den Zuschauer von der großen Leinwand aus direkt anschaut?

Wenders: Das ist mir höchst wichtig. Das war ja gerade das Privileg, das ich unbedingt mit allen Zuschauern teilen wollte. Da hatte ich nun schon mal die Chance, Papst Franziskus Auge in Auge gegenüberzusitzen, gleich mehrere Male, viele Stunden lang. Genau das wollte oder sollte ich doch möglichst nicht für mich behalten! Der Papst sah mich auf einer Art umfunktioniertem Teleprompter. Da standen natürlich nicht seine Antworten drauf, sondern darauf hat er mich gesehen, meine Fragen gehört und mir ins Gesicht geantwortet - und damit jedem Zuschauer, Auge in Auge. Ich war sehr froh, dass er diese Idee gleich verstanden und sich darauf eingelassen hat.

teleschau: Fühlen wir uns ertappt, wenn uns der Papst so lange und so intensiv anschaut?

Wenders: Ich denke, wir fühlen uns eher gesehen und berührt. Er tritt uns ja nicht als "Kirchenoberhaupt" gegenüber, sondern als jemand, der besorgt ist, dass es mit unserem gemeinsamen Haus so bergab geht. Dem es sichtbar leid tut, dass wir so leben müssen: gehetzt und in diesem Glauben an ewiges Wachstum gefangen - obwohl wir insgeheim wissen, dass das nicht möglich ist. Die meisten von uns sind doch von dem ganzen Überfluss und all dem Besitz überfordert. Stattdessen sehnen sich viele Menschen nach sozialer Gerechtigkeit und einer anderen Form von Gemeinschaft. Es heißt immer, wir wären alle abgestumpft. Viele Leute sind das auch nach außen. Innen drin jedoch wollen wir alle bewegt werden. Und genau das macht dieser Mann mit seiner Form der Ansprache.

teleschau: Warum trägt der Film den etwas sperrigen Titel "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes"?

Wenders: Er hatte ganz lange gar keinen Titel. Bei uns hieß er nur: "Der Papstfilm". Schließlich dachte ich, Franziskus hat ja keine politische oder gar militärische Macht und keine Lobby, tatsächlich nur sein Wort als Waffe. Hinzu kommt, was heute selten geworden ist, dass er tatsächlich lebt, was er predigt. Da ist mir dieser Titel in den Sinn gekommen. Weil wir zuerst alles Englisch gemacht haben, war das dann "A Man of His Word". Das klingt in der Tat etwas weniger sperrig als dieser deutsche Genitiv "seines Wortes". Der Titel ist aber auch eine Ansage an den Zuschauer: Es gilt, sich auf einen einzulassen, der redet. Einer, der einen moralischen Kompass vermittelt, in einer Zeit, in der unsere "World Leader" sich von jeglicher Moral verabschiedet haben.

teleschau: Sie haben den Papst viermal für ein jeweils zweistündiges Interview getroffen. Alle anderen, durchaus faszinierenden Bilder von Reisen und Begegnungen des Papstes stammen vorwiegend vom Vatikan selbst ...

Wenders: Ja und nein. Wir waren nicht mit dem Papst auf Reisen, das stimmt. Der Vatikan zeichnet in der Tat alles auf, was der Papst tut, akribisch und manchmal aus nächster Nähe, auf Reisen oft mit mehreren Kameras. Das meiste verschwindet im Archiv, nur die wenigsten Bilder erreichen das Licht einer größeren Öffentlichkeit. Dieses Archiv stand uns komplett zur Verfügung. Wir haben aber auch Material von vielen anderen Fernsehanstalten rund um die Welt gesichtet. Gerade zur Klimakatastrophe haben wir ganz andere Quellen gefunden. Allein die Bildrecherche dauerte zwei Jahre und ging auch während des gesamten Schnitts weiter. Und selbst gedreht habe ich natürlich auch noch die ganze Parallelgeschichte und die Reenactments um das Leben des Heiligen Franz von Assisi, des radikalen Namenspatrons von Papst Franziskus.

teleschau: Wissen Sie, warum man Sie gefragt hat, ob Sie den Film machen wollen?

Wenders: Ich war überrascht, als dieser Brief vom Vatikan bei uns ankam, mit der vorsichtigen Anfrage, ob ich interessiert wäre, einen möglichen Film über Papst Franziskus mit ihnen zu diskutieren. Später erfuhr ich, dass der Leiter der Kommunikationsabteilung ein Cineast war, der Film studiert und unterrichtet hatte. Ich war also nicht Gewinner einer Lotterie, sondern man wollte mich konkret dafür gewinnen. Und wahrscheinlich gab es auch eine Liste mit anderen Namen, wenn ich abgesagt hätte.

teleschau: Und es war sofort klar, dass Sie freie Hand haben würden?

Wenders: Es wurde schnell ziemlich klar. Es wurde auch sofort angesagt, dass man den Film keinesfalls finanzieren und produzieren, sondern nur anstoßen wollte. Für eine "Auftragsproduktion" hätte ich auch nicht zur Verfügung gestanden. Ich kann nur Filme machen, die ich auch konzipieren und unabhängig fertigstellen kann.

teleschau: Interessiert sich der Papst fürs Kino? Konnten Sie überhaupt eine Art informelles Gespräch mit ihm führen?

Wenders: Wir hatten immer vor und nach den Interviews ein paar Minuten. Das erste Mal legte er mir die Hand auf die Schulter und sagte mir: "Ich habe viel von ihnen gehört. Aber Sie müssen wissen, ich kenne keinen einzigen Film von Ihnen." Ich hatte da aber bereits viel über ihn gelesen. In einem Buch wurde er auch zum Kino befragt. Darin äußerte er sich begeistert über ein paar Filme, die dem italienischen Neorealismus zuzurechnen sind. Ich denke, dass er seit dieser Zeit - also etwa seit 50 Jahren - keine anderen Filme mehr gesehen hatte.

teleschau: Sie drehen gerne Hommagen. Die Dokumentation über den "Buena Vista Social Club" war eine und Ihr Film über Pina Bausch ebenso. Worin liegt der Reiz des subjektiven Erzählens aus der Fan-Perspektive?

Wenders: Klar, das ist ein spezieller Ansatz. Ich kenne auch meinen Gegenpol und bin sogar mit ihm befreundet. Dieser Gegenpol wäre Michael Moore. Er ist öfter im Bild als seine Gegenstände und hat immer eine kritische Meinung zu seinem Objekt. Ich dagegen halte mich zurück und mache nur Dokumentationen über Dinge und Menschen, die ich mag. Mein erster Dokumentarfilm "Nick's Film - Lightning Over Water" handelte vom Sterben meines Freundes Nicholas Ray. Er war völlig intuitiv, genau wie "Buena Vista Social Club". Die Filme entstehen aus einer Haltung heraus, die ich schon als Student hatte, als ich mir mit dem Schreiben von Kritiken mein Studium finanzierte. Ich schrieb damals nur über Filme, die ich mochte. Zu den anderen hatte ich irgendwie keinen Draht. Sie zu verreißen, empfand ich als verlorene Zeit. Ich wollte als Filmemacher auch immer nur Erfahrungen beschreiben - und nie eine Meinung kundtun.

teleschau: Sie wollten selbst mal Priester werden, als Sie jung waren. Wissen Sie noch, was Sie an dieser Idee begeisterte?

Wenders: Ich bin katholisch aufgewachsen, mit allem drum und dran. Ich war in der katholischen Jugendbewegung als Gymnasiast und kannte auch ein paar Geistliche, die mir imponiert haben. Vor allem aber war es wohl das Beispiel meines Vaters, der zwar kein Geistlicher war, aber seinen Beruf als Arzt im christlichen Sinne verstand. Mein Vater hatte selbst lange Zeit vor, Theologie zu studieren, hat sich aber dann doch für Medizin entschieden. Man kann sich nur Dinge vorstellen, die man vorgelebt bekommt. So viele Berufe kannte ich nicht, deshalb kam Priester für mich infrage. Dann kam mit 15 oder 16 der Rock'n'Roll dazwischen, das Kino und andere Dinge, die eine ganz neue Welt öffneten. Damit war das Priesterwerden vom Tisch.

teleschau: Sie sind sogar aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Wussten das Ihre Auftraggeber im Vatikan?

Wenders: Ich fragte sie gleich beim ersten Treffen, ob sie wüssten, dass sie jemanden kontaktiert hatten, der Protestant geworden ist. Das schien aber keinerlei Kriterium zu sein.

teleschau: Viele berühmte Kinoregisseure drehen mittlerweile Serien. Wäre das auch für Sie interessant?

Wenders: Natürlich ist Fernsehen, sind Netflix und Amazon, sehr interessant. Es entstanden ja auch schon sehr gute Sachen in Deutschland, "Babylon Berlin" beispielsweise. Es ist krass, wie sich die Rolle von Kino und Fernsehen in den letzten Jahren verändert hat. Kino ist heute oft formelhaft, gerade das Blockbuster-Kino. So etwas interessiert mich überhaupt nicht. Ich drehte mal einen Film, "Bis ans Ende der Welt", der dauerte fünf Stunden. Ich hätte ihn damals schon lieber als Serie gedreht, aber das ging zu dieser Zeit nicht. Das Erzählkino ist schwer in der Krise. Wer erzählen will, tut dies heute besser im Format der Serie. Ich habe gerade zwei Filme parallel gedreht. "Franziskus" und "Grenzenlos" mit Alicia Vikander und James McAvoy. Es war sehr anstrengend, über einige Jahre. Nun will ich erst mal Pause machen. Aber ich verfolge zwei Projekte, aus denen eine Serie werden könnte. Mal sehen ...

teleschau: Sie werden im August 73 Jahre alt. Denken Sie über so etwas wie Vermächtnis nach?

Wenders: Ich habe nicht nur darüber nachgedacht, sondern auch aktiv etwas getan. Alles, was ich je produzierte, habe ich veräußert. Mein Gesamtwerk gehört nicht mehr mir, sondern einer Stiftung. Stiftungen sind ja sozusagen auf ewig angelegt. Meine Filme und Fotografien gehören sich selbst und mein Werk damit der Öffentlichkeit. Mit der Stiftung haben wir 17 meiner Filme auf hohem Niveau digital restauriert. Das Vermächtnis sind diese Filme.

teleschau: Aber gibt es auch eine Botschaft in diesem Werk?

Wenders: Ich habe selbst mitgeholfen, viele dieser Filme zu restaurieren und bin mit ihnen auch nach 50 Jahren - damals habe ich etwa angefangen - immer noch einverstanden. Es gibt einen roten Faden in meinen Filmen. Sie sind auf der Suche nach Sinn und nach Zärtlichkeit.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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