Kino / Portraits

Jenseits deutscher Norm

Katja Riemann / Oskar Roehler / Oliver Masucci drehten gemeinsam die Satire "HERRliche Zeiten" (Kinostart: 3. Mai)

Unterhaltsam ja, ästhetisch unbequem jedoch ebenso: Mit lauter Provokation über blasiertes Herrschaftsgetue und dienstbare Geister voller Hintergedanken begnügt sich "HERRliche Zeiten" nicht, mögen ironische Titelschreibung und frivoles Plakat dies auch suggerieren. Risikofreudig lässt Regisseur Oskar Roehler ("Die Unberührbare") aus bizarrer Satire um Geltungssucht und neureiche Sklavenhalterei ein empfindsames und thrillerhaftes Drama um Liebe kontra Besitzstandswahrung aufsteigen. Dreh- und Angelpunkt ist ein Ehepaar, das Katja Riemann ("Fack ju Göhte") und Oliver Masucci ("Er ist wieder da") frech gegen den Strich alter und neuer deutscher Kino-Konvention verkörpern. Im Interview sprechen die drei kühnen Künstler über bürgerliche Moral und Angst vorm Verlust des Reichtums, Herrenmenschen-Attitüden und fragile Wohlfühl-Blasen, schöne Filmbilder und die pure Lust am Spiel.

teleschau: Herr Roehler, was ist aus Ihrer Sicht das Thema des Films?

Oskar Roehler: Die Frage, die der Geschichte zugrunde liegt, ist die einer bürgerlichen Moral. Es geht darum, was passiert, wenn die Moral auf die Probe gestellt wird. Wie in allen guten Filmen, bei den Coen-Brothers, bei Bunuel oder Chabrol-Filmen.

Oliver Masucci: Ich würde das genauso unterschreiben.

teleschau: Ein neureiches Ehepaar steht im Mittelpunkt des Films. Sie, Frau Riemann, spielen mit der Gartenarchitektin Evi den weiblichen Part. Die beiden freiwilligen Sklaven, die ins Haus kommen, erlauben Evi, dass sie sich recht ahnungslos im Schatten eines bevorstehenden Verbrechens sonnt, paradox gesagt ...

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Roehler: Klingt gut!

Katja Riemann: Für Evi ist es sehr bequem und überaus angenehm, die Verantwortung für ihr Tun und Handeln abzugeben. Für viele Menschen ist es das.

teleschau: Ihre Darstellung von Evis Mann, Herr Masucci, dem Schönheitschirurgen Claus, ist eigentlich im deutschen Fernsehen und Kino nicht erlaubt, wo der Arzt als männliche Lichtgestalt gilt ...

Roehler (lacht): Ja!

Masucci: Genau! Das ist nun mal kein Intellektueller, der macht ja Brüste und Hintern. Ein Schönheitschirurg hat mir Playboy und Penthouse gezeigt und auf die Mädels getippt: "Die hab' ich gemacht, die hab' ich gemacht ..." So einen wollte ich spielen, so einen Neureichen, einen Proll, der versucht, Hochdeutsch zu sprechen, aber eigentlich rheinischen Dialekt spricht. Das habe ich mit einem gewissen Lachen kombiniert. Und dann hieß es, man kann, genau wie Sie sagen, im deutschen Kino so was nicht machen, auch keinen Dialekt sprechen.

teleschau: Aber Sie haben es trotzdem gewagt.

Masucci: Wir haben uns gefragt: Warum eigentlich nicht? Wir sind ein Risiko eingegangen. Natürlich kann so etwas total karikaturesk wirken. Aber der Film wird ja noch mal ein Psychothriller mit verschiedenen Ebenen und Elementen, wo's plötzlich wieder ganz ernst wird, wo Oskar, wie gesagt, die Moral auf die Spitze treibt, und meine Figur sich entscheiden muss: "Bringe ich jetzt jemanden um oder nicht ..."

Roehler: Wenn du wie ich alle zwei Wochen nach Mallorca fliegst, dann findest du in der Fast Lane immer drei Familien, deren Oberhäupter exakt aussehen wie Claus und Evi Müller-Todt. Diese Leute prägen sich dem kollektiven Bewusstsein eigentlich dadurch ein, dass sie sich in den Vordergrund stellen mit Louis-Vuitton-Taschen und Herrenmensch-Attitüde. Und du weißt, sie werden ihr Leben, ihren Wohlstand und ihre Familie mit Klauen und Zähnen verteidigen.

teleschau: Das versuchen ja auch alle Akteure im Film auf ihre Art.

Roehler: "HERRliche Zeiten" ist, glaube ich, dadurch wahnsinnig unterschiedlich zu anderen deutschen Filmen, dass wir zwar von Moral erzählen, aber dass wir nicht pädagogisch und moralisch urteilen.

teleschau: Wenn alles so bliebe wie im ersten Teil des Films - würden Sie sagen, dass das ein erstrebenswerter Zustand ist, wie das Ehepaar Müller-Todt Herr und Herrin zu sein und Sklaven zu haben, die sie bedienen?

Masucci: Na, ich glaube, dass viele sich das schon wünschen könnten.

Roehler: So ein Disneyland ist und kann nur eine Blase sein. Die potenziert natürlich auch Ängste und Neurosen. Weil du dir alles, was noch passieren kann, in deiner Fantasie schon ausmalst, auch wenn du in diesem Disneyland noch lebst. Von daher ist es natürlich eigentlich kein erstrebenswerter Zustand, weil letztendlich ja jeder darauf wartet, dass die Blase platzt.

teleschau: Aber die Darstellung kann Spaß machen.

Masucci: Das ist ein Fest zu spielen gewesen. Wir wollen natürlich auch unterhalten. Und dann in der Konstellation mit Katja, das ist ja schon unser fünfter Film. Wir konnten so einfach kammerspielartig miteinander umgehen.

Roehler: Bei dem Publikum, das ich bisher hatte, kommt das Müller-Todt-Paar wahnsinnig gut an. Das hängt damit zusammen, dass diese Paarbeziehung toll gespielt, aber nüchtern beobachtet wurde. Vor allem vom Autor Jan Berger und dann durch meine kleinen Zugaben.

Riemann: Die beiden lieben sich. Und das ist vielleicht das Unzeitgemäße, dass dem Zynismus entgegengesetzt wird, den man sonst nach 20-jährigen Ehen medial abgebildet sieht. Dass es nicht mehr um Erwartungshaltungen geht, sondern die beiden aufeinander aufpassen.

teleschau: Was hat Ihnen denn am meisten Spaß gemacht?

Masucci: Natürlich dieses Lachen, seine unterschiedlichen Formen. Es ist ja auch ein Verlachen von Situationen, die man nicht aushalten kann: "Hä-hä!" Alles im Kontrast zur Spielweise von Katja, aber die Spielweisen korrespondieren miteinander und ergeben etwas Drittes.

Roehler: Damit wird genau konterkariert, was eigentlich im Film in Deutschland immer der Fall ist. Was gab es nicht für Diskussionen am Anfang, dass er ganz anders und viel geschmackloser angezogen ist als sie. Dass das vielleicht spannend ist, geht oft gar nicht in die Köpfe. Mann und Frau müssen immer zusammenpassen, auch gleich groß sein. Und die Frau darf auf gar keinen Fall größer sein als der Mann, das ist so die deutsche Norm, das hat sich tief in unser Wesen eingegraben.

teleschau: Das haben Sie aber schön dekonstruiert ...

Masucci: Durch die Überhöhung gelingt mehr Menschlichkeit, man erfasst, dass die Leute nicht so gleich sind. Weißt du noch, wie wir angefangen haben am ersten Tag? Und wie ich mit dem Dialekt und dem Lachen so ankam ...

Roehler: Wenn ich mir überlege, was du gerade gesagt hast, wie elaboriert das Kostüm ist, das ihr gestaltet habt ...

teleschau: Inklusive Haartracht ...

Roehler: Das war so ausgefeilt als Bild und so schön. Es werden heute keine Bilder mehr gemacht. Und das ist eine Sache, finde ich, die in dem Film irgendwie gelungen ist, und meiner Meinung nach auch darauf zurückzuführen, dass es interessant gespielt ist und man verweilen will, dass man nicht weggucken will.

Andreas Günther

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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