Kino / Portraits

"Kein Mensch kann so lange verkrampft sein!"

Judith Holofernes mischt in der neuen Staffel von "Sing meinen Song" mit (ab Dienstag, 24. April, 20.15 Uhr, VOX)

"Sie haben uns ein Denkmal gebaut / Und jeder Vollidiot weiß, dass das die Liebe versaut": Das dichtete sie vor nunmehr 15 Jahren als Sängerin ihrer Band Wir Sind Helden. Heute ist Judith Holofernes vor allem als Solokünstlerin unterwegs, veröffentlicht hübsch-kritische Werke wie zuletzt "Ich bin das Chaos" und führt ihr bisheriges Oeuvre nun doch dem fernsehgewordenen Denkmalbau zu: Für die erfolgreiche VOX-Show "Sing meinen Song" (ab Dienstag, 24. April, 20.15 Uhr) reiste die 41-Jährige mit Mark Forster, Marian Gold, Mary Roos, Rea Garvey, Johannes Strate und Leslie Clio nach Südafrika. Wie sie den Liedertausch erlebte und warum sie die anfängliche Skepsis gegenüber dem Format ablegte, berichtet die Indie-Pop-Ikone im Gespräch.

teleschau: Im vergangenen Jahr litten Sie unter einer Hirnhautentzündung. Haben Sie sich bewusst entschieden, mit einer Sendung wie "Sing meinen Song" gleich wieder voll einzusteigen?

Judith Holofernes: Die Anfrage kam, als es mir wieder anfing, besserzugehen. Dass es eine Meningitis war, habe ich ja erst erfahren, als sie schon wieder am Abklingen war. Deshalb wusste ich, dass ich mich nicht gefährde, wenn ich arbeiten gehe. Ich hatte vom Arzt die Erlaubnis, zu machen, was ich will (lacht). Und tatsächlich war es auch schön, etwas zu machen, das so viel Spaß macht und ablenkt. Man muss ja bei "Sing meinen Song" viel reinstecken.

teleschau: Inwiefern?

Holofernes: Ich musste mich deutlich intensiver vorbereiten, als ich vorher gedacht hätte. Es sind drei Monate, in denen man sich nur damit beschäftigt, bevor man überhaupt dreht. Für mich war das nach der Krankheit genau das Richtige: etwas Leichtes, das aber gleichzeitig schwer genug ist, um abzulenken. Hauptsächlich war ich zu Hause und hab mir die Songs erarbeitet.

mehr Bilder

teleschau: Wie war es, sich durch die Alben und Songs der Kollegen zu wälzen?

Holofernes: Das machte total Spaß! Von Mary Roos kannte ich beispielsweise gar nichts und hab mich nächtelang durch YouTube-Videos gefressen. Ich bin ja so ein Vollnerd, was Musik angeht; ich mach auch gern Listen und Mixtapes. "Sing meinen Song" ist so ein bisschen meine Party (lacht).

teleschau: Hatten Sie mit der Musikrichtung mancher Kollegen auch Probleme?

Holofernes: Es gibt Sachen, die sind von mir weiter weg. Aber das ist ja auch der Witz: Wenn ich so eine Party mit den besten Freunden in einem Häuschen in Brandenburg machen würde, wäre das Zuschauen nicht so witzig. Würde ich da mit der Höchsten Eisenbahn, den Donots und Gisbert zu Knyphausen rumsitzen, wäre das ja nicht spannend. Je extremer die Unterschiede, desto lustiger. Wenn ich in eine Karaokebar gehe, was ich an meinem Geburtstag gerne tue, dann würde ich immer auf die Songs losgehen, die ich definitiv nicht singen kann (lacht).

teleschau: Sie haben ja immer gern damit gespielt, dass Ihre Stimme nur eingeschränkt funktioniert. Haben Sie darauf bei der Songwahl sehr geachtet?

Holofernes: Ich bin über Schatten gesprungen - und habe für die Sendung richtig viel geübt. Vier Tage, bevor wir losgefahren sind, bin ich dann richtig krank geworden. Ich war die ganze Staffel über total heiser. Keinen Song konnte ich so singen, wie ich wollte. Aber da ich so gut vorbereitet war, war das nicht so schlimm.

teleschau: Wie sahen denn die Vorbereitungen aus?

Holofernes: Ich habe zweimal die Woche drei Stunden Gesangsunterricht genommen; habe die Songs geübt. Ich habe mich richtig reingefreakt - aber, so wie es jeder macht, mir die Lieder auch hingebogen. Bei Mary Roos hab ich einen halben Song dazugeschrieben, mit kommentierenden Chören, von denen ich wusste, dass sie es lustig finden würde.

teleschau: Haben Sie als Songwriterin zumindest innerlich an den Texten der anderen rumgeschnippelt?

Holofernes: Nicht so sehr, aber bei deutschsprachigen Liebessongs von Männern hatte ich das Gefühl: Ich kann den nicht so singen! Das war der Fall bei Johannes Strates "Ich lass für dich das Licht an". Das war die falsche Rolle - und ich hab mir den Song dann hingebogen, und über die Dinge gesungen, die ich aus Liebe tun würde.

teleschau: Ganz zerlegt haben Sie die Songs aber nicht?

Holofernes: Ich hatte die vorherige Staffel gesehen - und Moses P hat da ja gemacht, was er wollte (lacht). Das hat auch was Befreiendes. Es ist geil, sich das zu eigen zu machen. Ich wollte das aber nicht ganz extrem machen - für mich hatte das etwas mit Respekt gegenüber dem Original zu tun.

teleschau: Hatten Sie erst Zweifel oder Skrupel, an so einem Privatsender-Format teilzunehmen?

Holofernes: Als die erste Staffel lief, gehörte ich zu denen, die darüber gelästert haben. Die gesagt haben, das wäre gegenseitige Beweihräucherung. Ein bisschen skeptisch dem Konzept gegenüber war ich schon. Dann habe ich in der vierten Staffel mal reingeschaut - und habe gemerkt, dass es darum nicht geht. Manche Leute kritisierten ja die Kuscheligkeit. Dabei kann man im deutschen Fernsehen einiges kritisieren, aber nicht, dass Leute zu nett zueinander sind. Im Gegenteil, ich finde es gut, dass sich die Menschen bei "Sing meinen Song" mal nicht bloßstellen.

teleschau: Was hat Sie am Ende überzeugt?

Holofernes: Jahrelang habe ich mich beschwert, dass es keine Formate gibt, in denen man als Künstler wirklich mit seiner Musik vorkommen kann. Ich hatte ja immer das Glück, dass ich in wunderschöne Talkshows gehen und nachdenkliches Zeug über den Weltfrieden reden kann. Danach fragte ich mich aber immer, ob jetzt eigentlich irgendwer eine Ahnung davon hat, was ich eigentlich mache. Und wenn dann nun eine Sendung kommt, in der man den ganzen Abend nur über Songwriting redet, bin ich sofort dabei!

teleschau: War es denn wirklich das enge Erlebnis, von dem die vorigen Teilnehmer immer schwärmten?

Holofernes: Es war eine sehr spezielle Erfahrung, denn man hängt tatsächlich die ganze Zeit zusammen. Mindestens in Zweierpärchen. Und einen Großteil davon läuft eine Kamera mit. Das ist natürlich erst mal befremdlich. Kein Mensch kann so lange verkrampft sein! Irgendwann vergisst du es. Die waren auch unheimlich fair, fragten nach. Und man weiß, dass sie nichts zeigen, was man blöd findet. Es ist schnell sehr entspannt. Aber auch anstrengend!

teleschau: Was war denn das Aufregendste in Südafrika?

Holofernes: Man macht ganz viel! Zum Beispiel eine Jeep-Fahrt durch die Dünen, da fährt dann immer ein Jeep mit Kamera nebenher. Aber das ist dir irgendwann scheißegal, weil du durch die Dünen fährst und die Dünen sind geil (lacht)! Es gab Schlangen und Babyhaie am Strand, die wir wieder ins Wasser beförderten.

teleschau: Und was die Künstler angeht? Wen kannten Sie denn bereits?

Holofernes: Ich kannte Johannes, Rea und Leslie. Man weiß ja vorher nicht, wer dabei ist. Manche sagen, sie machen das nur, wenn kein Schlager-Mensch mitmacht. Das habe ich explizit nicht gesagt. Die Linie zwischen gut und blöd verläuft woanders, finde ich. Es gibt einfach Sachen, die sich als Pop verkaufen, aber in Wirklichkeit heimlich Schlager sind. Das finde ich schlimmer als einen gut gemachten, ehrlichen 70er-Jahre-Schlager. Ich hab eher ein Problem mit doof und mit Arschlöchern (lacht). Das waren meine Bedingungen.

teleschau: Fiel Ihnen die Songauswahl bei manchen Kollegen auch schwer?

Holofernes: Aus unterschiedlichen Gründen bei Mary und Marian. Bei beiden habe ich aber auch nicht meine Wunschsongs bekommen - und war am Ende froh über das, was ich stattdessen gesungen habe. Ich wollte "Forever Young" machen - und dann wurde so ein Geschiss um diesen Welthit gemacht, dass ich sehr erleichtert war, den Druck nicht tragen zu müssen. Ich wollte ihn einfach singen, weil ich ihn liebe und wir ihn mit Wir Sind Helden auch gecovert haben. Aber ich war letztlich froh darüber, dass es anders gekommen ist.

teleschau: Was war das größte Problem?

Holofernes: Was ich nicht gut kann, sind dramatische, opernhafte Töne halten. Da geht mir schnell die Puste aus. Und sowohl Mary als auch Marian haben das ganz viel, so dass ich von vornherein viele Songs aussortieren musste. Inzwischen weiß ich von den anderen Künstlern, dass denen meine Art zu singen auch schwerfällt. Ich kann also etwas, das andere nicht können - zum Beispiel nie atmen (lacht)! Ich habe Asthma - und mit dem Asthma kann ich erstaunlich schnell sehr viel Text singen.

teleschau: Hatten Sie Sorge davor, Ihre Songs gecovert zu hören?

Holofernes: Cover und Neuinterpretationen von Songs mag ich erst mal generell! Das ist seit Jahren mein Lieblingshobby. Ich glaube, Musiker teilen sich diesbezüglich in Gruppen auf - die einen finden's super, die anderen nicht. Ich mag die Weiterverbreitungstradition der Musik, das Mitmachen und Weitermachen. Das gehört für mich dazu. Als ich dann an meinem Abend meine Lieder hörte, war das toll. Aber es gab eine Komponente, die ich nicht erwartet hätte: Das hatte etwas ganz Versöhnliches.

teleschau: Was meinen Sie damit?

Holofernes: Ich bin total eins mit meiner Band. Aber vorher war ich etwas aufgeregt, wie es sich anfühlen würde, die Wir-sind-Helden-Songs in so einer Sendung zu hören. Das, was ich jetzt mache, ist ja noch ein Stück weiter weg von der Mitte und macht mir damit großen Spaß. Obwohl auch die Helden schon ein Trojanisches Pferd waren - es ist mir immer noch ein Rätsel, wie wir damit so weit in den Mainstream kommen konnten. Dann war die Sendung vorbei und ich dachte: Ja, das war ich auch! Besser als versöhnlich wäre wohl: Es wurde verarztet und rund gemacht; es hatte etwas Vollständiges.

teleschau: Gewissermaßen auch ein Rückblick auf Ihre bisherige Karriere?

Holofernes: Ja, wie geil das ist, dass ich seit 18 Jahren Musik mache und glücklich bin. Andere finden ihren Beruf doof - und ich hatte die Band, die ich mir als Teenager gewünscht habe. Ich habe mich wie ein Terrier festgebissen und trotz aller Schwierigkeiten weitergemacht - mit Kindern, in unterschiedlichen Städten. Und heute mache ich etwas anderes, ebenfalls mit tollen Leuten, was total lustig ist. Was für ein Geschenk!

Maximilian Haase

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

Versenden Drucken

Weitere Artikel


Film-Starts

Film-Archiv

Suche im Radio Rur Film-Archiv anhand eines Titels oder eines Darstellers nach Filmkritiken.

  
DVD-Filme

Erfahre mehr über die neu erschienenen DVDs in den aktuellen Besprechungen.

Ticketshop

Sicher Dir im Radio Rur Ticketshop die Tickets Deiner Wunschveranstaltung!

Anzeige
Zur Startseite