Kino / Portraits

Wie ist es, mit dem Tod zu spielen?

Thomas und Alexander Huber Die Kletterer präsentieren ihren Film "100 Jahre Huberbuam - Bluad is dicker wia Wossa" (Montag, 11. Dezember, 21.15 Uhr, ServusTV)

Im "Bayerischen Hof", einem der edelsten Hotels Münchens, zwischen Anzugträgern und feinen Kellnern, sitzen zwei langhaarige Männer in Jeans und Pullis. Sie wirken so, als würden sie am liebsten gleich aufstehen und sich aufs Fahrrad schwingen - oder einen Berg besteigen. So fern liegt so ein Gedanke bei Thomas und Alexander Huber nicht, denn die als "Huberbuam" bekannten Brüder haben sich durch ihre spektakulären Bergtouren einen Namen gemacht. Jetzt geben die bodenständigen Superstars der Extremklettererszene im gediegenen Rahmen ein Interview, in dem sie über ihr Leben, ihre Karriere und einen neuen Porträtfilm (Montag, 11. Dezember, 21.15 Uhr, ServusTV) reden.

Wer sie nur flüchtig kennt, könnte die Hubers fast für Zwillinge halten, dabei merkt man im Gespräch schnell, wie unterschiedlich sie sind. Zwei Jahre trennen Alexander und Thomas, doch zusammen haben sie jetzt einen "runden Geburtstag" zu feiern: "100 Jahre Huberbuam" heißt der aus diesem Anlass entstandene Film, denn Alexander wird bald 49 Jahre alt, sein Bruder Thomas ist 51. "Bluad is dicker wia Wossa" liest sich der Untertitel des Streifens. Nein, mit Hochdeutsch halten sich die urigen Sympathieträger erst gar nicht auf, sie präsentieren sich so, wie sie sind. Diese Authentizität ist nur eines ihrer Erfolgsgeheimnisse.

"Eigentlich wollten wir einen Film über unsere neueste Expedition drehen, aber die scheiterte. Also standen wir mit einer Menge Material da, aber ohne roten Faden", erklärt Thomas Huber die Ursprünge des Films, der nun bei ServusTV als Free-TV-Premiere gezeigt wird. Aus "Filmschnipseln" wurde die Idee, ein Porträt zu schneiden, das nicht nur die beiden Persönlichkeiten vorstellt, sondern auch eine Karriere beschreibt, die schier unglaubliche Höhen und Tiefen sah - im wörtlichen und im metaphorischen Sinne.

Es ist bei weitem nicht ihr erster Film, immerhin begleitet die Kamera die beiden Ausnahmesportler schon seit den Karriereanfängen in den 90er-Jahren. Damals kletterten sie sich getrennt voneinander an die Weltspitze. Heute kann der Jüngere erklären, es sei der Pioniergeist, der sie auszeichnet und von anderen Bergsteigern abhebt. Die ständige Lust, etwas Neues zu probieren, vermeintlich Unschaffbares zu meistern. Eine "positive Konkurrenz" verband sie Anfangs wie heute, fasst Thomas Huber zusammen. Denn, auch wenn sie ihre größten Erfolge vielleicht gemeinsam feierten, sind es doch zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die ihre Leidenschaft zum Klettern vereint - und das Blut.

Wenn sie nicht gemeinsam in den Bergen unterwegs sind, dann sehen sich die Hubers auch mal längere Zeit gar nicht, obwohl sie nur etwa zehn Autominuten voneinander entfernt im Berchtesgadener Land wohnen. "Brüder gehen sich eben auch manchmal gewaltig auf den Keks", gibt Thomas schmunzelnd zu und betont, man habe so hohe Erwartungen aneinander, daher könne man auch leichter verletzt werden. Dass sie es trotzdem schaffen, ein unschlagbares Team zu bleiben, läge wohl daran, dass man sich als Brüder viel mehr verzeihen könne.

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Alexander kümmert sich in seiner Freizeit um die eigenen Schafe, lebt auf einem Bauernhof, und Thomas erklärt im Film, er sei der rationalere der beiden. Im Gespräch ist Alexander ruhiger, im Gegensatz zu Thomas. Der ist emotionaler, spielt in einer Rockband und redet gerne über große Themen wie Mut, mentale Stärke und Konzentration, die ein Kletterer braucht.

Wobei: Reden können sie beide, verdienen sie doch den Großteil ihres Geldes durch Vortragsreihen und beweisen so, dass es zum Erfolg mehr braucht als ein sportliches Talent. "Unser Mentor, Kletterlegende Wolfgang Güllich, hat gesagt, das Hirn sei der wichtigste Muskel des Kletterers", berichtet Thomas. Das gelte besonders am Berg, denn nur ein wacher Geist könne Gefahren richtig einschätzen. Das sei eine "Kernkompetenz des Kletterers". Andererseits beweisen die Huberbuam, dass auch in ökonomischer Hinsicht Scharfsinn gefragt ist, um die sportliche Leidenschaft zu vermarkten und einem großen Publikum zugänglich zu machen. "Wir erschaffen in den Augen von vielen im eigentlichen Sinne gar nichts", meint Thomas. Was er meint: Die Hubers steigen zwar auf Berge, die andere nie bewältigen könnten, aber oft sind es gar nicht die Routen oder Weltrekorde, die interessant für das Publikum sind, erst Gefühle und Erfahrungen machen die Expeditionen der Kletterer spannend. Es geht um die Motivation zweier Ausnahme-Persönlichkeiten. Nicht viele begeben sich schließlich wöchentlich in Lebensgefahr.

Alexander und Thomas wissen um diese Lebensgefahr. Sie gehen sie ein, scheinbar ohne mit der Wimper zu zucken, obwohl sie beide jeweils drei Kinder zu Hause haben. Irrsinn in den Augen vieler Betrachter. Aber Alexander erklärt absolut gelassen: "Wir gehen nie davon aus, dass wir abstürzen. Erst wenn man die Gefahr nicht als solche wahrnimmt, wird es gefährlich. Unachtsamkeit, Leichtsinn oder ein unkonzentrierter Partner sind die größten Gefahren. Wenn du aber weißt, dass du mit dem Tod spielst, dann bist du sicherer."

Stürze gab es schon zahlreiche in der Karriere: Zuletzt fiel Thomas 16 Meter in die Tiefe, zog sich einen Schädelbruch zu. Deshalb aufhören, das kommt gar nicht in Frage, ganz im Gegenteil: Schon nach zwei Monaten war er wieder auf den Beinen und reiste zur nächsten Expedition. Auch an den Unfallort kehrte er zurück, denn, so der Extremsportler, "Konfrontation ist der schwerere Weg, aber ich denke, immer der bessere. Ich bin sehr dankbar für dieses zweite Leben, das mir geschenkt wurde." Es sei fatal, prägende und schlimme Erlebnisse einfach zu verdrängen. Thomas geht auf "sein Übel direkt zu, nur so kann ich stärker werden".

Es erscheint fast dreist, diese zwei Männer, die scheinbar vor gar nichts Angst haben, zu fragen, wie es mit der Furcht vor dem Alter aussieht. Und wie zu erwarten war, reagieren die beiden auch hier tiefenentspannt. "Man darf nicht so verkrampft sein. Ich muss nicht immer den Leistungen der vergangenen Tage nachhängen. Ich lebe jetzt und weiß, wie fit ich bin, und dementsprechend passe ich meine Ziele an", erklärt Thomas. Auch mit 65 Jahren wolle er noch auf Berge steigen.

Was also macht dieses Brüderpaar so besonders? Nach dem Gespräch steht zumindest soviel fest: Die beiden Familienväter sind ein Team, sie präsentieren sich auch in einem solchen Interview als ungebrochene Einheit, stimmen sich zu und lassen sich ausreden und besitzen trotzdem die Ehrlichkeit, auch über Konflikte zu sprechen. Am Berg überzeugen sie mit sportlicher Leistung, ihr Publikum erfreuen sie mit sympathischer Natürlichkeit. Jedenfalls glaubt man den beiden Hubers sofort, wenn sie sagen: "Wenn man ehrlich ist zu sich selbst, kommt es doch im Leben nicht darauf an, wie lange ich gelebt habe, sondern was ich in der Zeit erlebt habe."

Anke Waschneck

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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