Kino / Portraits

Vom Gefühl, ein Außenseiter zu sein ...

Noomi Rapace schlüpft in dem Sci-Fi-Drama "What Happened To Monday" (Start: 12.10.) in die Rolle von sieben Schwestern

Die grandios gespielte Figur der Hackerin Lisbeth Salander in Stieg Larssons "Millennium"-Trilogie machte Noomi Rapace 2009 weltberühmt. Die Schauspielerin, die gerade mal 1,50 Meter misst, besitzt eine eindrucksvolle Wandlungsfähigkeit und schätzt charakterstarke, aber auch gebrochene Figuren. 2011 spielte sie in "Babycall" eine paranoide Mutter, 2012 in Ridley Scotts "Prometheus" war sie eine Archäologin, die Spuren außerirdischen Lebens entdeckt. In "What Happened To Monday" (Start: 12.10.), einem düsteren, gleichwohl grandios gemachten Zukunfts-Thriller des Norwegers Tommy Wirkola, spielt sie sieben Zwillingsschwestern, deren Existenz verborgen bleiben muss. Die Dreharbeiten zehrten an ihr, aber beim Interview in Paris zeigt sich die 37-jährige Schwedin glamourös: in rosa Spitze von Chanel und Yves Saint Laurent und auch die Haare - pink!

teleschau: Ihr neues Styling - ist das einer Rolle geschuldet oder sind das jetzt Sie?

Noomi Rapace: Ich habe meine Haare für einen Film wieder wachsen lassen, aber nachdem ich "What Happened To Monday" drehte, habe ich mich in Pink verliebt (lacht). Deshalb habe ich mir die Haare pink gefärbt. Im nächsten Film, den ich drehe, muss ich eh eine Perücke tragen, da können meine Haare auch eine Weile pink sein.

teleschau: "What Happened To Monday" behandelt ein aktuelles Thema: Wie gehen wir mit der wachsenden Bevölkerung um? Die UNO rechnet im Jahr 2050 mit 9,7 Milliarden Menschen. Europa schrumpft, Länder wie Afrika wachsen hingegen rasant. Insofern ist der Plot mit dem Thema Ein-Kind-Politik gar nicht unrealistisch ...

Rapace: Richtig und deshalb müssen wir aufwachen. Politiker, Präsidenten, die die Macht haben, Dinge zu ändern, müssen endlich anfangen, etwas zu unternehmen.

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teleschau: Eine Ein-Kind-Politik ist sicher nicht der richtige Ansatz ...

Rapace: Natürlich nicht, das ist keine Lösung. Es geht eher um das Thema Ausbildung. In Afrika oder ähnlich armen Ländern haben die Menschen keine Schuldbildung, die Frauen dort sind häufig schwanger, und ich denke nicht, dass sie das wollen. Wären sie gebildet und aufgeklärt, wäre das was anderes. Ich halte nichts von Regeln oder Strafen, um die Leute fertig zu machen. Ich denke, die menschliche Rasse ist intelligent, wir wollen ja lernen. Ich lese zum Beispiel viel über Bildungsprogramme und weiß, dass Kinder lernen wollen. In den Entwicklungsländern kämpfen sie dafür, in die Schule gehen zu dürfen. Um so schockierender ist es, dass wir da noch nicht weiter sind.

teleschau: Sie spielen im Film gleich sieben Schwestern. Wie schafft man das?

Rapace: Schon vor Beginn der Dreharbeiten hatte ich große Angst. Im Drehbuch waren es ja ursprünglich sieben Brüder. Aber Regisseur Tommy Wirkola sagte mir, er könne sich nur mich in dieser Rolle vorstellen. Dann begannen wir verrückterweise, aus den Brüdern Schwestern zu machen. Ich war dabei involviert, die Charaktere der einzelnen Schwestern zu entwickeln. Letztlich sind sie alle Versionen meiner selbst. Ich wusste daher schnell, wie sie aussehen sollten - welchen Unterschied es machen würde, wenn ich hohe oder flache Schuhe trage oder weite oder enge Klamotten. Als ich ungefähr wusste, wo die Reise hingehen würde, begannen wir mit den Proben. Da wurde mir klar, dass der technische Hintergrund bei diesem Film verdammt kompliziert war.

teleschau: In welcher Hinsicht?

Rapace: Wir mussten eben alle möglichen Techniken verwenden, die es bis dato gab. Aber da so ein Film bisher nicht existierte, musste ich jeden Tag zusammen mit dem Regisseur und Kameramann neue Lösungen finden. Beim Dreh war ich dann auf mich allein gestellt. Zum Beispiel spreche ich mit mir selbst. Alles in allem war es wirklich das Härteste, was ich jemals in meinem Leben gemacht habe.

teleschau: Wie ließ sich bei sieben Figuren überhaupt der Überblick behalten?

Rapace: Ich entwickelte ein Ritual, um die Schwestern zu spielen und wieder aus jeder Rolle herauszutreten. Ich hatte für jede Figur ein eigenes Parfum und eine spezielle Playlist. Und wenn ich am Set mit einer Schwester fertig war, zog ich mich in mein Ankleidezimmer zurück, nahm die Perücke ab und duschte, um den Geruch loszuwerden. Dann legte ich einen neuen Duft an und hörte die Musik für die andere Schwester. Ich war wie in einer Art Blase, bis es wieder an der Tür klopfte und man mich fragte, wie weit ich bin? Ich musste also immer wieder mein Gehirn neu starten, und das war verdammt hart.

teleschau: Wirkte sich das auch auf Ihr Privatleben aus?

Rapace: Ich ging fünf Monate lang nicht aus. Ich hatte keine Drinks, ich habe nicht mal meine Freunde gesehen. Stattdessen stand ich um vier Uhr in der Früh auf, trainierte und wurde um sechs Uhr zur Arbeit abgeholt. Um 9 Uhr abends war ich wieder im Hotel, trainierte wieder und bereitete mich auf den nächsten Tag vor.

teleschau: Sie haben offensichtlich ein Faible für solche Rollen ...

Rapace: Ich mag Herausforderungen. Es reizt mich, wenn etwas fast unmöglich scheint, wenn ich alles dafür einsetzen muss, was ich habe. Aber ich habe sehr viel Energie. Und doch hatte ich hier zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, diese Energie könnte nicht ausreichen. Ich brauche nicht viel Schlaf, vier Stunden reichen mir in der Regel. Aber diesmal schlief ich in der Mittagspause.

teleschau: Auch frühere Filme haben Ihnen einiges abverlangt. Sie mussten hart trainieren und lernten zum Beispiel Kickboxen. Welche Fähigkeiten mussten Sie sich für diese Rolle aneignen?

Rapace: Ich musste verfeinern, was ich bereits konnte. Das Kämpfen. Die Art, wie ich meine Stimme einsetzte. Die Präzision, mit der ich meine Bewegungen ausführte. Ich musste die Bewegungen meines Körpers präzisieren und gleichzeitig emotional extrem aufmerksam sein. Als ich dann nach Ende der Dreharbeiten nach London zurückkam, war ich völlig verloren. Ich hatte ja auch meine Haare abgeschnitten und saß also mit dieser Frisur, die ich schon für die "Millennium"-Reihe hatte, in London und wusste überhaupt nicht mehr, wer ich war. Mein Kurzzeitgedächtnis war komplett weg. Ich brauchte zwei Monate, um es wieder zu bekommen.

teleschau: Haben Sie wieder ein paar Narben behalten von dem Dreh?

Rapace: Klar, ich habe ein paar neue Narben. Ich war sogar im Krankenhaus und musste nach einem Sprung von einem Müllcontainer genäht werden. Mein Double hat zwar den Stunt gemacht und sprang, aber als ich versuchte, aus dem Müllcontainer rauszukommen, habe ich mich verletzt. Ich sollte eigentlich drei Wochen im Bett liegen, doch zwei Tage später stand ich schon wieder am Set.

teleschau: Verletzungen sind ja nichts Neues für Sie.

Rapace: Irgendwie war bei jedem Film was: Bei "Unlocked" brach ich mir zum Beispiel die Nase, und bei "Stockholm", den ich jetzt mit Ethan Hawke abgedreht habe, war ich auf einem Auge drei Tage lang blind, weil ich was ins Auge bekommen habe.

teleschau: Es heißt, Sie seien sehr streng mit sich selbst ...

Rapace: Das stimmt. Mir fällt es schwer, mich selbst auf der Leinwand zu sehen. Aber bei diesem Film ist es anders. Ich habe ein Stück weit vergessen, dass ich es bin, die da spielt. Was nie vorher der Fall war. Hier ist es so, dass ich mich selbst sehe und nicht das Gefühl habe, ich spiele.

teleschau: Nach "What Happened To Monday" standen sie schon wieder vor der Kamera. Nehmen Sie sich nicht mal eine Auszeit?

Rapace: Neuerdings schon, aber es ist neu für mich. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass mein Sohn jetzt älter ist. Wir reden viel und dafür will ich auch Zeit haben. Mag sein, dass ich mich gerade ein bisschen ändere. Ich habe immer viel gearbeitet, wahrscheinlich weil die Arbeit für mich eine Möglichkeit war, herauszufinden, wie man lebt und funktioniert. In meiner Jugend hatte ich immer das Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Weil ich anders war als die anderen und anders dachte. Ich war immer die Seltsame, bis ich es irgendwann akzeptierte. Jetzt ist es das ganz anders: Jetzt bin ich von Leuten umgeben, die sind wie ich - irgendwie strange (lacht).

teleschau: Ihr Sohn ist 2003 geboren, ist er stolz auf Sie?

Noomi Rapace: Ich denke schon. Er geht aber ziemlich cool damit um. Diesen Film findet er jedenfalls super, er hat ihn mit mir in L.A. angeschaut. Und dann saß noch mein Freund Marilyn Manson vor mir. Sie fanden den Film toll, was mich sehr glücklich gemacht hat. Mein Sohn meinte, das sei das Beste, was ich jemals gedreht habe.

teleschau: Im Film ist Familienplanung Staatsangelegenheit, im wahren Leben ist das glücklicherweise keine Realität. Wie sieht es bei Ihnen aus, wollen Sie noch ein Kind?

Noomi Rapace: Vielleicht, mein Sohn wünscht sich Geschwister. Er bearbeitet mich die ganze Zeit. Aber ich mache keine Pläne. Ich nehme, die Dinge, die da kommen, einfach an. Wenn sich etwas richtig anfühlt, dann mache ich es. Als ich mit 22 Jahren schwanger wurden, sagten alle, du kannst doch jetzt nicht Mutter werden, jetzt wo du Karriere machst - du musst an dich denken. Und ich dachte nur: Ihr könnt mich mal.

Heidi Reutter

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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