Kino / Portraits

"Ich weiß nicht, ob ich das durchgestanden hätte"

Flora Li Thiemann spielt in "Tigermilch" (ab 17.8.) ihre bislang größte und härteste Rolle

Durch die Hauptstadt schlendern, saufen, auf den Babystrich gehen und sich in ihrer Aufmüpfigkeit nichts sagen lassen: Eine Traumrolle - mit gelegentlicher Albtraum-Gefahr - für eine echte Berliner Göre. Flora Li Thiemann, heute 15 Jahre alt, stand schon ziemlich oft als Kinder- und Jugenddarstellerin vor der Kamera. Etwa in der Familienkomödie "Nellys Abenteuer" (2016) oder im TV-Märchen "Die Schneekönigin" (2014). Doch die Dreharbeiten zum aufrührenden Coming-of-Age-Drama "Tigermilch", in dem sie neben Emily Kusche die Hauptrolle übernahm, stellten ihren Wagemut, aber auch ihre Aufrichtigkeit als Darstellerin vor eine große Probe. Während der ersten Proben wurde ihr, wie sie sich im Interview erinnert, mulmig: "Holla, die Waldfee", so ihr Kommentar. Doch heute zählt vor allem das Ergebnis und dass sie unwahrscheinlich viel von der Verfilmung des Romans mitgenommen habe.

teleschau: Wie fühlt es sich denn an, wenn plötzlich das eigene Gesicht, der eigene Körper großflächig auf Kinoplakaten zu sehen ist?

Flora Li Thiemann: Mir kommt's oft so vor, als ob ich dann gar nicht mich selber sehe - sondern eine Rolle. Ich sag mir dann: "Oh, 'Tigermilch'. Das sind doch Nini und Jameelah - und nicht ich und Emily." Bei vielen Szenen aus dem Film kann ich mich zwar noch ganz genau an den einzelnen Tag erinnern, an dem wir das gedreht haben. Aber eigentlich ist es so, dass ich den fertigen Film sehe und voll darin abtauche. Weil ich eben wissen will, was passiert, wie es wirkt und ob man das so versteht, wie es gedacht war. 

teleschau: Wie trennt man Rolle und sich selbst voneinander?

Thiemann: Es ist eine große Herausforderung. Ute Wieland, die Regisseurin, hat sich sehr darum gekümmert, dass nach den Dreharbeiten alles wieder zum Alten zurückkehrt und langsam wieder Normalität für mich einkehrt. Nach der letzten abgedrehten Szene kam sie sogar extra auf mich zu und umarmte mich mit den Worten: "Flora Li, ich entlasse dich jetzt aus deiner Rolle!"

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teleschau: Muss man bei einer solchen Rolle nicht selbst auch mal einen Schluck "Tigermilch" nehmen, eine Mischung aus Milch, Maracujasaft und Weinbrand, um sich zu beruhigen?

Thiemann: Wo denken Sie hin? Natürlich musste ich keinen Alkohol trinken, um mich da hineinzufinden. Aber die Rolle war schon die größte Herausforderung, die ich bei einem Film je hatte. Die Lebenssituation meiner Rolle war so anders als meine eigene. Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten, mich wirklich in Ninis Lage hineinzuversetzen. Aber wir hatten ein intensives Coaching dafür - und viele Proben. Mit der Zeit wurde es immer besser. Und irgendwann war ich wie eins mit meiner Rolle. Dann konnte ich auch erkennen, wie gleich wir uns eigentlich in so mancher Situation sind. Am Ende sagte ich mir immer öfter: Genau so hätte ich auch reagiert. Ich fand's toll herauszufinden, das wir ganz viele Ähnlichkeiten haben.

teleschau: Wie wichtig war es, dass Ute Wieland Sie und Ihre Kollegen nicht ins kalte Wasser springen ließ? Es sind ja schon ein paar ziemlich brenzlige Szenen dabei.

Thiemann: Man merkt bei ihr wirklich, wie ernst ihr die Arbeit mit uns war. Ihr ging es in erster Linie darum, dass wir uns wohlfühlten. Wenn wir die Szenen blöd gefunden und uns dabei nicht richtig wohlgefühlt hätten, dann wäre es beim Drehen auch nicht gut geworden. Das schätze ich an Ute sehr: Sie war wie eine Freundin für uns. Ich konnte mit ihr über alles in meinem Leben reden. Dadurch half sie mir richtig gut mit meiner Rolle weiter.

teleschau: Wie war die Zusammenarbeit bei der Sex-Szene im Hotel?

Thiemann: Auch die konnte sie wirklich lustig gestalten: Natürlich saß ich nie wirklich auf dem Schoß des Darstellers, der den Freier spielt. Dafür hatten wir einen Coach. Und mit dem hatten wir immer gewitzelt, dass sich das Ganze anfühlen würde wie auf einem Pferd zu sitzen. Bei allem hatte Ute Wieland eine Leichtigkeit ins Spiel gebracht, sodass man vergessen hatte, dass es eigentlich schon ein bisschen grenzwertig ist.

teleschau: Wie wurden Ihre Eltern zu den Themen des Filmes eingeweiht?

Thiemann: Sie hatten natürlich das Drehbuch gelesen. Und ihnen war die Zusicherung wichtig, dass wir nichts machen würden, bei dem ich mich unwohl gefühlt hätte. Sie hatten sich im Vorfeld auch mit der Regisseurin und der Produzentin getroffen und über alle Eventualitäten geredet. Etwa wie einzelne Szenen gefilmt werden und so.

teleschau: Die beiden Mädchen im Film haben den Wunsch, so etwas wie einen unbeschwerten Sommer zu verbringen. Und dann geschieht in Ihrem Viertel voller sozialer Spannungen so viel Fürchterliches ...

Thiemann: Es geht ja eigentlich darum, erwachsen zu werden. Aber gleichzeitig sind sie weiterhin Kinder und gehen mit den Situationen ganz anders um, als es Erwachsene tun. Als eine junge Frau umgebracht wird, stehen die Mädchen fast regungslos davor. Dann klauen sie den Schmuck - und rennen einfach weg. Doch eigentlich geht es gar nicht um die verbotenen Dinge, die sie tun. Sondern sie werden erwachsen durch die Sachen, die sie erleben. Plötzlich lernen sie, mit dem bitteren Ernst des Lebens umzugehen. Ich weiß nicht, ob ich das geschafft und durchgestanden hätte.

teleschau: Konnten Sie aus den Dreharbeiten auch für sich selbst etwas mitnehmen?

Thiemann: Total viel. Es war wie ein Crashkurs im Erwachsenerwerden. Ich habe durch den Film so viel dazugelernt. Dafür bin ich sehr dankbar. Wenn ich den Film nicht gedreht hätte, wäre ich jetzt sicher eine andere Person. Es war zwar alles gespielt, aber ich habe jetzt einen ganz anderen Blick auf Situationen, die dich aufs glatte Eis laufen lassen. Viele emotionale Szenen konnte ich mit meinen eigenen Leben verbinden. Ich denke, ich bin mit mir selbst reiner geworden - weil ich mich über den Film viel besser kennengelernt habe. Ich denke schon, dass ich dadurch erwachsener geworden bin.

teleschau: Zumindest zu Beginn des Films sieht man die beiden Mädchen mit einem irren Selbstbewusstsein durch die Straßen von Berlin rennen. Kann man sich davon etwas abschneiden?

Thiemann: Vieles davon finde ich schon bewundernswert. Auch wenn Sachen, wie auf den Strich zu gehen, natürlich nicht dazuzählen. Was ich bewundere: Die Mädchen schämen sich nicht dafür, was sie machen. Sie wollen es - und sie ziehen es durch. Was alle anderen davon denken, ist ihnen komplett egal. Auch Nini, die anfangs noch ein wenig die Mitläuferin ist und sich stark von Jameelah mitreißen lässt, entdeckt ihre Eigenständigkeit und ihr Gespür für Gerechtigkeit. Davon habe ich mich sehr inspirieren lassen: einfach zu tun, was dein Herz dir sagt.

teleschau: Was sagt das Herz denn in der Frage: Schauspielerin als Beruf fürs Leben?

Thiemann: Mein Herz sagt: ja. Mein Kopf schlägt vor: Denk noch mal darüber nach. Es ist mein großer Traum, es macht mir Spaß, und ich denke, ich lerne dabei am meisten für mein Leben dazu. Jetzt werde ich aber erst mal mein Abi machen.

Rupert Sommer

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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