Kino / Portraits

Hommage an das Leben in der Provinz

Sebastian Bezzel spielt die Titelrolle in den Eberhofer-Krimis "Schweinskopf al dente" (Mittwoch, 26. Juli, 20.15 Uhr, ARD) und "Grießnockerlaffäre" (ab 3. August in den bayerischen Kinos)

Auch wenn er nicht nur einmal betont, wie gerne er mit seiner Familie in Hamburg lebt, seine oberbayerische Herkunft merkt man Sebastian Bezzel schon noch an: Beim Interview in einem Münchner Biergarten lässt sich der 46-Jährige kalte Semmelknödel und Weißbier schmecken und schwärmt in den höchsten Tönen von der Provinz - der niederbayerischen wohlgemerkt. Denn dort, mitten im nirgendwo, in einem inzwischen wohlbekannten fiktiven Kaff namens Niederkaltenkirchen, treibt der aus Garmisch-Partenkirchen stammende Schauspieler als stoisches Ermittler-Original Franz Eberhofer schon seit vier Jahren sein Unwesen. Am 3. August kommt der vierte nach einer Romanvorlage von Rita Falk erzählte Eberhofer-Krimi, "Grießnockerlaffäre", in die bayerischen Kinos. Eine Woche vorher, am Mittwoch, 26. Juli, 20.15 Uhr, wird "Schweinskopf al dente", der dritte Fall aus der niederbayerischen Diaspora, als Free-TV-Premiere im Ersten gezeigt. Ein Prosit auf die Eberhofer-Wochen!

teleschau: Vergeht eigentlich noch ein Tag, ohne dass Sie jemand mit "Servus, Eberhofer!" grüßt?

Sebastian Bezzel: Wenn ich in Bayern bin, eher nicht. Aber ich lebe mit meiner Familie in Hamburg - dort hält sich der Hype noch in Grenzen. Obwohl es da auch langsam zunimmt ... Das Gute ist: Die Leute mögen den Eberhofer anscheinend sehr. Mir schlägt nur Sympathie entgegen, wenn man mich, also den Eberhofer (lacht), auf der Straße erkennt.

teleschau: Sie sind halt der Eberhofer - ungefähr so, wie ein Sean Connery James Bond ist. Da lässt sich nach vier Kinofilmen nichts mehr machen. Man möchte meinen, dass so eine Rolle für einen Schauspieler wie ein Sechser im Lotto ist ...

Bezzel: Ja, schon, aber ... Ach, wissen's, ich hatte in meiner Karriere bereits viel Glück und so gesehen schon einige Sechser im Lotto - die Metapher ist bei mir ein bisserl überstrapaziert: Da waren zum Beispiel die RTL-Serie "Abschnitt 40", in der ich vier Jahre meine erste Hauptrolle spielen durfte, Marcus H. Rosenmüllers Bobfahrerkomödie "Schwere Jungs" (ein Kinoerfolg von 2006, d. Red.) und dann natürlich die Ermittlerrolle im Bodensee-"Tatort" ... Ich war über zwölf Jahre lang Kommissar Perlmann - Sechser mit Zusatzzahl!

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teleschau: Welchen Stellenwert nehmen die Eberhofer-Krimis also für Sie ein?

Bezzel: Die Rolle war einfach ein Riesengeschenk, auch wenn ich es, wie immer, überhaupt nicht darauf angelegt hatte. Ich gehe immer relativ locker zum Casting - so kann ich nicht enttäuscht werden. Die Eberhofer-Romane von Rita Falk habe ich erst in die Hand genommen, als das Go der Produktion für mich kam. Dann schwante mir natürlich schnell, was das für ein Kult ist und was das für eine besondere Rolle sein würde. Die Dreharbeiten waren dann recht lustig, und wir hofften, mit Glück einen kleinen Fernseherfolg landen zu können.

teleschau: Sie wollen sagen, was dann kam, war nicht absehbar?

Bezzel: Null - ehrlich! Nach dem Dreh von "Dampfnudelblues" hatte ich auch erst mal andere Dinge im Kopf - ich wurde im Frühjahr 2013 zum zweiten Mal Vater, und wir zogen um ... Der Film, der war erst mal "nur" auf dem Filmfest in München ein kleiner Erfolg. Umso mehr wurde ich dann von den Ereignissen überrollt, als "Dampfnudelblues" im August 2013 im Kino so richtig durchstartete.

teleschau: Was war die größte Herausforderung an der Eberhofer-Rolle?

Bezzel: Dass wirklich jeder dazu eine Meinung hat - weil die Figur dank der Bücher schon lange vor den Filmen populär war. Die Menschen hatten ein Bild vor Augen, und ich gebe zu, ich hatte Respekt vor der Erwartungshaltung der Fans der Romane und alldem, was da im schlimmsten Falle auf mich zukommen würde. Deswegen habe ich mich erst mal rigoros vor jedwedem Shitstorm geschützt, einen weiten Bogen um sämtliche Foren und Chats gemacht, in denen über die Romane und die Filme debattiert wurde. Von Film zu Film habe ich es so gehalten, dass ich mich nur aufs Drehbuch konzentriert und ansonsten komplett abgeschaltet habe. Danach, wenn die Rolle mal hingestellt ist, erlaube ich mir natürlich schon einen Blick ...

teleschau: Offenbar haben Sie die Rita-Falk-Fans nicht enttäuscht.

Bezzel: Nein - jedenfalls sagt mir das mein wichtigster Indikator: meine Frau!

teleschau: Johanna-Christine Gehlen ist ja ebenfalls Schauspielerin. Ist sie kritisch?

Bezzel: Ja - aber das darf sie, denn niemand kennt mich besser. Ich schätze ihre Kritik - in diesem Fall besonders, weil sie alle Eberhofer-Romane, die bisher veröffentlicht wurden, mit großer Freude gelesen hat. Sie findet die Filme sehr gut, weil sie meint, dass wir den im Grunde eher reaktiv angelegten Eberhofer-Charakter präzise getroffen haben. Dinge, über die man halt unter Schauspielern so spricht ...

teleschau: Wie meint sie das?

Bezzel: Dass es passt, weil eigentlich das ganze Drumherum, das wilde Treiben in der Provinz, das Entscheidende an den Krimis ist - und nicht der Dorfpolizist Eberhofer! Da sind so viele großartige Figuren. Eberhofer steht halt mittendrin und ist von jedem in seiner Umgebung, selbst von seiner Oma oder seiner Freundin Susi, grundgenervt - ein Polizist im ruhigen Auge des Hurricans des Wahnsinns sozusagen. Was ich sagen will: Wenn du mit dem Flötzinger, dem Simmerl und dem Wolfi am Biertisch sitzt, dann musst du als Schauspieler eigentlich nicht mehr viel machen. Meine Aufgabe ist es nur noch, den Zuschauer über das Vehikel Eberhofer in diese Situationen mit reinzuholen.

teleschau: Muss man privat befreundet sein, um eine derartige Männerfreundschaft spielen zu können?

Bezzel: Nein, das ist Teil unseres Jobs. Wirklich befreundet bin ich von den Leuten am Set nur mit mit meinen Kollegen Simon Schwarz und Lisa Potthoff (er spielt den Eberhofer-Kumpel Rudi Birkenberger, sie Eberhofers On-and Off-Beziehenung Susi, d. Red.), wir anderen kennen uns aber alle schon lange, mögen uns und haben schon öfter zusammengespielt - da ist ein gewisses Vertrauen und immer wieder eine große Freude, wenn wir loslegen.

teleschau: Wären Sie gerne mit einem wie dem Eberhofer befreundet?

Bezzel: Ja. Weil er einer von diesen Jungs ist, die dir nichts vorlügen. Der Eberhofer hat ein untrügliches Gespür fürs Hinterfotzige, und er sagt dir ins Gesicht, wenn du nervst. Und, ganz wichtig, mit dem kannst du auch mal drei Halbe trinken, ohne dass einer redet. Denn, ja, Schweigen kann ja auch manchmal sehr schön sein.

teleschau: Er hat, vielleicht erstaunlicherweise, auch einen Schlag bei Frauen!

Bezzel: Oh ja, da geht eigentlich immer was mit Frauen - und das, obwohl er schon auch ein Riesenarschloch ist manchmal. Fragen Sie mich jetzt aber nicht, wie das funktioniert - Frauenpsychologie ist gar nicht mein Ding.

teleschau: Eberhofers einzige große Liebe ist sowieso der Birkenberger Rudi.

Bezzel (lacht): Endlich sagt's mal einer! Denn, ja, genau das ist es: Liebe - die beiden sind wie ein altes Ehepaar, die werden sicher bis ans Ende ihres Lebens zusammenbleiben, auch wenn sie sich größtenteils tierisch auf den Sack gehen. Ähnlich verhält es sich aber auch mit den anderen Jungs im Ort.

teleschau: Ist die Männerfreundschaft nicht eines der eigentlichen großen Themen der Eberhofer-Krimis?

Bezzel: Absolut - und das zweite ist die unverklärte Liebe der Menschen aus der Provinz zu ihrer Heimat. Beides hängt für mich eng zusammen: Diese Jungs mögen sich vor allem deshalb so sehr, weil sie's müssen.

teleschau: Was meinen Sie?

Bezzel: Sie kommen sich nicht aus, weil eines für sie schon immer unumstößliche Tatsache ist: Wir bleiben hier, denn wir wüssten sowieso nicht, wo wir sonst hin sollten. Also halten wir lieber zusammen und machen das Beste daraus. Das ist eine Schicksalsgemeinschaft. Wir bekommen viel Zuspruch von Zuschauern, die das genau so kennen: Freundschaft, die bei allen Differenzen niemals in Frage gestellt wird, ein Zusammenhalt, der absolut grenzenlos ist. In "Grießnockerlaffäre" steht Eberhofer unter durchaus nachvollziehbar erscheinendem Mordverdacht - und was sagen seine Kumpels: "Komm, hock dich her, und sauf a Bier mit uns!"

teleschau: Würde es Ihre Frau mit dem Eberhofer aushalten?

Bezzel: Ich fürchte fast: Ja. Jedenfalls attestiert sie mir eine gewisse Nähe zur Figur. Neulich, als ich daheim wieder mal etwas vor mich hingegrantelt habe, was ich leider hin und wieder tue, hat sie gefrotzelt: "Manchmal frage ich mich, wer zuerst da war: der Eberhofer oder du." Aber ich muss eines mal ganz klar sagen: Ich bin nicht der Eberhofer - da gibt es einige gravierende Unterschiede!

teleschau: Wie zum Beispiel?

Bezzel: Ich lebe sehr gerne in der Großstadt, habe doch noch ein bisschen Freude am Leben und an den schönen Dingen. Ich kann genießen, das heißt: Ich trinke auch gerne ein Bier, aber ich esse nicht nur Leberkassemmeln und Schweinsbraten. Ich ziehe mich hin und wieder ganz ordentlich an, bin modernen Dingen gegenüber relativ aufgeschlossen, kenne sogar so was wie Fernweh - und ich habe wenigstens ein bisschen Ehrgeiz und Struktur in mir.

teleschau: Eberhofer ist eben ein wandelnder Anachronismus - genau wie der von Henning Baum gespielte "Letzte Bulle" aus der SAT.1-Serie ...

Bezzel: Absolut - genau das ist das Erfolgsgeheimnis. Das Tolle am Eberhofer ist ja: Der muss nicht entschleunigen, der war nie schnell! Das Publikum scheint diese aus der Zeit gefallenen Kerle einfach zu lieben - was für mich nachvollziehbar ist. Denn alles dreht sich heute immer schneller, ständig neue Themen, Trends, Moden - und dann kommt einer im schwitzigen AC/DC-Shirt daher, dem das alles scheißegal ist, und der schafft's auch irgendwie durchs Leben. Halt nur auf seine Art: oldschool und gefühlt in Zeitlupe. Das bedient Sehnsüchte.

teleschau: Sie als gebürtiger Garmischer, der lange in München gelebt hat, wissen es bestimmt: Kann einer wie Eberhofer nur aus Bayern kommen?

Bezzel: Ja, wahrscheinlich schon - auch wenn wir immer wieder von norddeutschen Fans hören, dass sie auch so einen Flötzinger oder Simmerl in ihrer Nachbarschaft haben. Diese Kerle sind eben echte Klassiker, die man überall in der Provinz findet, sogar in der Stadt soll's die geben. Aber den Eberhofer, den wortkargen Grant, sein stoisches Schulterzucken - so was findet sich typischerweise in Bayern. Es ist eine urbayerische Haltung - nicht mal böse gemeint, sondern eher so eine Frage der persönlichen Ausstrahlung. Ich habe schon mal gesagt: Der Grant ist die bayerische Entsprechung des portugiesischen Fado!

teleschau: Wobei man schon unterscheiden muss: Es gibt die Oberbayern - und die Niederbayern ...

Bezzel: Bei denen die Uhren ganz anders ticken - was elementar wichtig ist für die Eberhofer-Geschichten. In vielen Gegenden in Oberbayern ist alles hochpoliert und wirkt so schön barock - dort ist man gerne Bayer, lacht ein bisserl zu laut und zeigt, was man hat. In der niederbayerischen Provinz, wo unser Niederkaltenkirchen angesiedelt ist, bleibt davon nichts übrig, da ist alles anders. In Niederkaltenkirchen trägt kein Mensch Tracht - die haben eher einen Jogginganzug an. Ich habe lange gesagt, Niederbayern ist das Finnland Deutschlands. Wobei ich niemandem zu nahe treten will. Ich habe mich richtiggehend in Niederbayern verliebt - in die Landschaft und in die aufrichtigen Menschen, die uns von Anfang an mochten und offen empfangen haben. Es ist nur keine Opernkulisse, sondern das Land, wie es eigentlich ist: einfach, ehrlich, zweckmäßig und familiär.

teleschau: Gedreht wird vorwiegend in der Marktgemeinde Frontenhausen ... Das liegt im Vilstal, gleich neben Marklkofen.

Bezzel: Genau - und Sie glauben gar nicht, was die vor Ort alles für uns möglich machen. Wir sind den Menschen, insbesondere der Freiwilligen Feuerwehr, zu großem Dank verpflichtet. Allerdings bin ich auch immer wieder froh, wenn ich nach einigen Drehtagen, wieder einen Ortswechsel vornehme. Nicht, weil es mir dort nicht gefallen würde, sondern, weil zu viel Schulterklopfen und Zuspruch auf Dauer nicht gesund sind. Wenn wir beispielsweise in Landshut - Eberhofer-Kernland - Kinopremiere haben, herrscht eine Atmosphäre wie beim Popkonzert. Schon toll, aber auf Dauer geht's an die Substanz, sich feiern zu lassen.

teleschau: Was meinen Sie: Warum genau werden die Krimis so abgefeiert?

Bezzel: Die Leute spüren wohl sehr genau, was unsere Intention ist. Die Eberhofer-Bücher und -Filme sind ja nichts anderes, als eine Hommage an das Leben in der Provinz - ob nun in Bayern oder sonst wo. Deswegen kommen sie inzwischen in ganz Deutschland so gut an: Weil wir Deutschen im Grunde unserer Herzen Provinzler sind!

teleschau: Das würde aber nicht jeder Großstädter so unterschreiben.

Bezzel: Aber ich finde, dass es so ist, und mir gefällt's total. Fakt ist doch: Man lebt in der Provinz viel weniger gleichgeschaltet als in den Großstädten, wo es zwar von allem zwar sehr viel gibt, aber im Grunde nur die immergleichen Shops, Restaurants, Typen ... Aber das ist ja alles nebensächlich, wenn wir mal in die Geschichte schauen.

teleschau: Worauf spielen Sie an?

Bezzel: Wann immer wir in Deutschland auf zentralistischen Nationalstaat machen wollten, ging der Schuss nach hinten los. Wir sind doch schon seit den alten Germanen ein provinzieller Vielvölkerstaat. - Wenn wir uns nur mal dazu bekennen würden! Es hätte doch nur Vorteile, wenn es diesen ominösen Deutschen, den ich persönlich sowieso nicht kenne, gar nicht gäbe. Ich Provinzheini habe jedenfalls keinerlei Ausländerhass in mir, ich arbeite mich lieber an Franken oder Schwaben ab (lacht) - und die sich an mir, dem in der Hansestadt Hamburg lebenden Bazi.

Frank Rauscher

Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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