Kino / Portraits

Alter Schwede!

Robert Gustafsson spielt die Hauptrolle in "Der Hunderteinjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand"

Hochbetagt schmeißt er gern mit Dynamit, tummelt sich in der Weltgeschichte und jagt nun der Rezeptur einer legendären Limonade nach: Allan Karlsson ist seit dem Bestsellererfolg von "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" und der gleichnamigen Verfilmung eine sehr populäre Greisengestalt, die in "Der Hundertjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand" (Start: 16.3.) nun erneut für Wirbel sorgt. Aber wer steckt unter dem schlohweißen Haar, wer mimt die gebrechlichen Bewegungen und hat dieses tief gefurchte, anrührende Gesicht? Es ist Robert Gustafsson. In Deutschland weitgehend unbekannt, ist er in seiner schwedischen Heimat als provokanter Komiker ein Star. Selbstironisch berichtet der 52-Jährige von den Strapazen, ein Hundertjähriger zu sein, philosophiert über das Alter und erzählt von den Dreharbeiten mit dem kleinsten größten Star aus "Fluch der Karibik".

teleschau: Robert Gustafsson, Sie wollten wohl kein halbes Jahrhundert darauf warten, wieder ein Hundertjähriger zu sein?

Gustafsson: Als ich die Anfrage von Hans (Ingemansson) und Felix (Herngren, d. Red.), den Regisseuren, erhalten habe, dachte ich nur: Nein, auf keinen Fall!

teleschau: Warum?

Gustafsson: Ich hatte eigentlich schon vom ersten Film genug. Sie müssen sich vorstellen, das Make-up dauerte fünf Stunden! An manchen Drehtagen wurde ich um drei Uhr nachts abgeholt. Ab vier Uhr saß ich im Stuhl, um geschminkt zu werden. Und erst um neun Uhr konnten wir anfangen zu drehen. Dann kam Felix zu meinem Wohnwagen, klopfte an die Tür und sagte: "Guten Morgen!" Und ich zu ihm: "Morgen? Was für ein guter Morgen? Für mich ist das gefühlt schon Mittagszeit oder Abend."

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teleschau: Da zögert man natürlich, so eine Rolle noch einmal zu spielen. Was gab den Ausschlag, es doch zu tun?

Gustafsson: Vor allem die Story. Die hat ja nichts mit dem Buch zu tun, das als Vorlage für den ersten Teil diente. Mans sagte mir: "Wir haben da diese Idee mit der Volksbrause." Und ich fragte nur: "Was für eine Volksbrause?" Er hat mir die Geschichte erzählt, und ich habe sehr viel gelacht. Ich sagte zu mir: "Oh, ich habe so etwas noch nie in einem Film gesehen. Ich erinnere mich an den Kalten Krieg der 70er- und 80er Jahre, daran, welche Rolle Pepsi und Coca Cola spielten. Ich fand die Idee mit der Volksbrause einfach sehr witzig und sagte zu.

teleschau: Und was war mit dem Make-up?

Gustafsson: Sie holten einen Spezialisten aus den USA. Die Zeit in der Maske verkürzte sich nun auf sage und schreibe auf viereinhalb statt fünf Stunden. Die extra halbe Stunde Schlaf, das war schon ein schöner Unterschied.

teleschau: Es scheint, als ob Sie den Allan Karlsson diesmal fragiler spielen als im ersten Film.

Gustafsson: Es war mir wichtig zu zeigen, dass Allan eben jede Minute oder in den nächsten drei Minuten sterben kann. Das sollten die Zuschauer fühlen, wenn sie den Film sehen. In einer Szene schläft Allan im Auto ein. Sein Kumpel Julius versucht ihn aufzuwecken, "Allan, Allan!" Und man denkt: Shit. Er ist tot. Aber nein, er ist es nicht. Gleichzeitig ist Allan noch sorgloser, was am nächsten Tag passieren könnte. Aber er ist immer noch neugierig, wissbegierig. Er urteilt nicht über Menschen, er überlässt sich dem Strom der Ereignisse und schaut, was passiert.

teleschau: Hatten Sie ein Vorbild für Ihren Allan?

Gustafsson: Eigentlich erinnert er mich ein bisschen an meinen Vater. Ich habe mir viele Bilder und Dokumentationen über alte Menschen angeschaut. Das Problem ist: Wenn ich mir aktuelle Hundertjährige in Schweden zum Vorbild nehme, dann sehen sie nicht wie Hundertjährige aus. Die sind fit. Sie sehen aus wie 75. Ein 96-Jähriger spielte noch vor gar nicht langer Zeit mit einem Reporter Tennis. Er wirkte wie 69. Deshalb habe ich mich eher daran gehalten, wie Hundertjährige in den 60er-Jahren ausgesehen haben.

teleschau: Allan Karlsson ist dann so etwas wie ein symbolischer Methusalem?

Gustafsson: Ja, man soll fühlen können, wie alt er ist und was er erlebt hat. Wir haben ja auch eine gute Chance, alt zu werden. Ich denke, es hängt damit zusammen, dass weniger körperlich hart gearbeitet wird. Der älteste Schwede ist 114 Jahre alt, soweit ich weiß. Vielleicht kann ich sechs oder sieben weitere Filme über den Typ machen.

teleschau: Was war das Anstrengendste in der Rolle des alten Mannes?

Gustafsson: In der Maske bei hohen Temperaturen in Thailand und bei 38 Grad im Schatten in Budapest zu drehen. Ich wurde dreimal ohnmächtig.

teleschau: Ein unwillkommener naturalistischer Effekt ...

Gustafsson: Ja! Und wirklich schmerzhaft! Die glühende Hitze, der Schweiß und das Make-up haben für Verbrennungen auf der Haut gesorgt. Ich habe davon immer noch Spuren am Hals. Aber es ist natürlich nahe an der Figur. Als alter Mensch ist man an den Schmerz gewöhnt, man schläft damit ein, wacht damit auf. Ich habe die Empfindungen des Schmerzes für die Rolle eingesetzt.

teleschau: Gibt es etwas, was Sie als Schauspieler dem Publikum vermitteln möchten?

Gustfasson: Das Leben nicht allzu ernst zu nehmen. Es gibt so viele verschiedene Momente darin: einige sehr dunkel, andere sehr hell. Filme von heute sind deshalb oft Mischungen aus verschiedenen Stimmungen, mit aufregenden, witzigen und traurigen Momenten. Ich möchte den Menschen sagen, dass sie weniger Angst vor dem Leben haben sollten. Aber vielleicht sind wir Schweden auch sehr ängstlich. Wir können nicht immer vorher sagen, was richtig ist. Allan trifft Entscheidungen, um zu sehen, was passiert!

teleschau: Die Regisseure des Films trafen die Entscheidung, Ihnen einen waschechten Hollywood-Star zur Seite zu stellen: das Äffchen Crystal the Monkey, das ja schon in "Fluch der Karibik" mitgewirkt hat. Eine Diva oder ein Profi?

Gustafsson: Sie hat als einzige Darstellerin exakt das gemacht, was ihr gesagt worden ist! Sie war die Beste. Normalerweise heißt es, Kinder und Tiere am besten von Dreharbeiten fernhalten. Nicht in diesem Fall! Der Trainer sagt ihr: "Tu dies, tu das", und sie macht es. Sie ist eine große Schauspielerin. Sie saß auf meiner Schulter, lehnte sich an mein Ohr, und ich konnte ihr schnelles Herz schlagen hören: tik-tik-tik-tik-tik. Es war sehr berührend, sie kennenzulernen. Wenn sie einen ansah, meinte man zu wissen, was sie gerade dachte und fühlte.

Andreas Günther

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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