Kino / Portraits

"Wir haben gewonnen und verloren"

The Darkness veröffentlichen "Hot Cakes"

Die Geschichte der britischen Band The Darkness ist eine wahre Ansammlung von Rock'n'Roll-Klischees: Als sie 2003 auf der Bildfläche erschien, wurde sie dank Songs wie "I Believe In A Thing Called Love" und "Get Your Hands Off My Woman" praktisch über Nacht berühmt. Ihre Mischung aus Hard-Rock-, Hair-Metal- und Glam-Zitaten fiel auf - ebenso wie ihre engen Spandex-Hosen. Das Debütalbum "Permission To Land" verkaufte sich alleine in Großbritannien 1,5 Millionen Mal. Doch der Nachfolger floppte. Bassist Frankie Poullain wurde gefeuert, Justin Hawkins nahm einen Haufen Drogen und zerstritt sich so sehr mit seinem Bruder Dan, dem Gitarristen der Band, dass The Darkness sich 2006 auflösten. Sechs Jahre später haben sich die Briten wieder zusammengerauft und veröffentlichen nun mit "Hot Cakes" ihr drittes Album, das einen Neuanfang nach dem langen Absturz markieren soll, wie die Brüder Hawkins im Interview erzählen.

teleschau: Wenn man als Band so weit oben war wie Sie, also an der Spitze, wie sehr tut das Fallen dann weh?

Justin Hawkins: Es ist, als würde man eine Treppe herunterfallen. Man fällt nicht direkt nach ganz unten, so als würde man mit Anlauf springen, sondern eher von Stufe zu Stufe. Es ist eine Serie von kleinen Stürzen. Das Fallen an sich hat man also irgendwann akzeptiert, aber der Po schmerzt am Ende trotzdem. (lacht)

Dan Hawkins: Zum Glück haben wir uns bei diesem Sturz nicht das Genick gebrochen. Wir hatten eine paar blaue Flecken, aber das war's.

teleschau: Justin, Sie haben The Darkness vor sechs Jahren aufgelöst. Warum?

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Justin Hawkins: Weil ich nüchtern werden musste. Ich wollte sicherstellen, dass ich mir selbst eine Chance gebe zu überleben. Und der einzige Weg, das zu tun, war die Band zu verlassen. Es wäre nicht fair gewesen zu sagen: "Ich brauche eine Pause, aber ich weiß nicht, wie lange." Zumal ich wirklich keine Ahnung hatte, wie lange es dauern würde. Sechs Monate, ein Jahr, fünf Jahre. Es hätte auch 20 Jahre dauern können. Deswegen musste ich loslassen. Ich musste mein Leben einfach dramatisch verändern. Ich kenne zu viele Leute, die von ihrer Sucht nicht loskommen. Oder sogar gestorben sind. Und mit einigen habe ich schon zusammen in einem Raum gesessen und sie unter den Tisch getrunken.

teleschau: Gab es einen bestimmten Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass sich etwas ändern musste?

Justin Hawkins: Es gab viele solcher Momente. Ich habe viel probiert und hatte immer wieder kurze Phasen der Abstinenz und Nüchternheit. Aber mittlerweile sind es schon sechs Jahre. Es dauerte allerdings ganz schön lange, bis ich in der Lage war, in einen Pub zu gehen, in der Nähe von Leuten zu sein, die trinken, oder auch am Alkoholregal im Supermarkt vorbeizugehen. Selbst die Idee, Mahlzeiten zu essen, die Alkohol enthalten, auch wenn er natürlich vorkocht ist, machte mir am Anfang Angst.

teleschau: Sie haben kaum ein Rock'n'Roll-Klischee ausgelassen. Bereuen Sie manchmal, was passiert ist?

Justin Hawkins: Nein. Wir sind einfach nicht die Typen, die diesen glatten, ebenen Weg des Erfolges gehen. Wir haben gewonnen und verloren. So gesehen wurden wir ziemlich fair behandelt. Ich weiß noch, ich habe früher immer gerne Rock-Biografien gelesen. All die verrückten Geschichten. Wenn ich die heute lese, denke ich, was für Anfänger! Wir machten Sachen, die wirklich unglaublich sind ... Aber ich bereue trotzdem nichts.

teleschau: Es heißt, nach der Trennung seien Sie beide so zerstritten gewesen, dass Sie dachten, Sie würden nie wieder miteinander reden. Wie bewältigt man so eine Situation, vor allem als Brüder?

Justin Hawkins: Das kommt mit der Zeit. Gerade wenn man verwandt ist, kann man es schließlich gar nicht vermeiden, sich zu sehen. Wären wir keine Brüder gewesen, wäre es sicher anders gelaufen. Aber wir haben uns natürlich immer wieder bei Familienfeiern und Ähnlichem getroffen. Unser Elternhaus ist wie ein Bienenstock, ständig kommen und gehen Leute. Einmal war ich zu Besuch und plötzlich war Dan dort, mit seiner neuen Band. Das war schon komisch. Aber irgendwann haben wir uns wieder angenähert.

teleschau: Sie haben zunächst zu zweit begonnen, neue Songs zu schreiben, bevor Sie Schlagzeuger Ed Graham und Bassist Frankie Poullain dazuholten. Haben die beiden sofort ja gesagt?

Justin Hawkins: Ja, sie haben beide nicht lange gezögert. Und auch Dan und mir war schnell klar, dass wir die Band wenn dann mit Eddie und Frankie machen wollten.

teleschau: Wie war das erste Treffen? Wurde erstmal geschrien oder haben Sie sich gleich verstanden?

Dan Hawkins: Wir schrien eigentlich nie viel, das war vielleicht eins unserer Probleme. Man merkte zwar, wenn die anderen etwas nicht gut fanden, redete aber nie darüber.

Justin Hawkins: Was das betrifft, sind wir heute viel reifer. Am Anfang scheuen wir Konflikte nach wie vor, aber wenn sich die Lage beruhigt hat, reden wir drüber.

Dan Hawkins: Und wir merken mittlerweile, wenn wir uns dem anderen gegenüber wie ein Arschloch verhalten.

teleschau: Werden Egos also kleiner, wenn man älter wird?

Justin Hawkins: Ich würde sagen, wenn man jung ist, nutzt man sein Ego als Schutzschild. Man ist streitlustiger und hat dieses aufgeblasene Ego, mit dem man jegliche Kritik abwehrt, weil man glaubt, dass alles, was man macht, perfekt ist. Man ist nicht bereit, anderen zuzuhören. Wenn man älter wird, braucht man diesen Schutzschild nicht mehr. Dann tritt das wahre Ego hervor und das kann mit Kritik umgehen und kommunizieren. Das ist mehr wie Pingpong spielen als wie ein Ringkampf. Natürlich braucht man dieses aufgeblasene Ego, um zu performen. Aber es ist eben nicht gesund, wenn man sich künstlerisch entwickeln will.

teleschau: Ein Song auf Ihrem neuen Album trägt den Titel "Nothing's Gonna Stop Us Now" - ist das so etwas wie Ihre Bandphilosophie?

Dan Hawkins: So könnte man es sagen, ja. Wir wollen damit nicht andeuten, dass wir die Welt übernehmen werden. Aber nichts und niemand wird uns dieses Mal davon abhalten, alles zu genießen.

Justin Hawkins: Für uns fühlt sich alles wieder an wie bei unserem Debüt. Wir passten ja schon damals überhaupt nicht in die Zeit. Deswegen sind wir überhaupt so groß geworden, weil die Leute mit einer Band wie uns nicht rechneten. Plötzlich waren wir total in Mode. Doch als wir erfolgreich waren, kamen plötzlich all diese Ambitionen ins Spiel. Das ist weder gesund, noch gut für die Kunst. Deswegen war es wichtig, dass wir uns von all dem frei machen uns wieder auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich die Musik.

teleschau: Gab es keine Momente des Zweifels?

Justin Hawkins: Nein, ich war zwar tierisch nervös, als wir letztes Jahr beim Download Festival auftraten, aber das zählt nicht als Zweifel. Ich bin vor jeder Show nervös. Manchmal so sehr, dass ich nicht mal reden kann. Aber sobald ich auf der Bühne stehe, ist es okay.

teleschau: Demnächst werden Sie als Support von Lady Gaga auf Tournee gehen ...

Justin Hawkins: Ja, sie suchte uns persönlich aus. Sie hat oft Rockbands dabei, Airbourne zum Beispiel haben sie auch schon supportet. Ich glaube, sie ist eine echte Rockerin und steht auf Bands wie Slayer. Ihre Shows bestehen zwar aus eine Menge Show und Choreografie, aber im Grunde spielt dort auch eine Rockband.

teleschau: Haben Sie sich für die Shows etwas Besonderes einfallen lassen?

Justin Hawkins: Einer von uns hatte mal so etwas vorgeschlagen, aber ich glaube, das wäre der sicherste Weg, wieder gefeuert zu werden. Sie hat uns eingeladen, weil sie gut findet, was wir machen. Wenn wir jetzt plötzlich Neon-Klamotten tragen und mit flackernden Lichtern und Discobeats kommen, dann würde ich uns auch nach Hause schicken. Wir werden einfach unser Ding machen.

teleschau: Also einfach die Band sein, die die Leute aufmuntert?

Justin Hawkins: Ich denke schon, ja. Früher, zu Beginn unserer Karriere, spielten wir oft die frühen Slots auf Festivals, und sie wissen ja, wie das ist auf englischen Festivals, es regnet ständig. Aber bei unseren Shows kam irgendwie immer die Sonne raus. Wenn es unsere Rolle ist, die Leute fröhlich zu stimmen, dann kann ich damit gut leben.

Nadine Lischick

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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